Hintergrund · Thug Life
Im Herbst 1994 stand Tupac Shakur zwischen zwei Gerichtsverfahren. Die Musik der Formation, die er 1993 um sich versammelt hatte, klang entsprechend: düster, trotzig, oft melancholisch. Thug Life: Volume 1 blieb das einzige Album der Gruppe, und was die Fans heute hören, ist nur ein Teil dessen, was ursprünglich geplant war.
Ein Kodex für die Straße und der Druck des Labels
Hinter „Thug Life“ stand für Tupac mehr als ein Bandname. Er deutete den Begriff als Akronym für „The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody“: Den Hass, den eine Gesellschaft ihren Kindern entgegenbringe, bekomme sie später zurück. Bereits 1992 hatte er gemeinsam mit seinem Stiefvater Mutulu Shakur einen „Code of Thug Life“ mit Verhaltensregeln für Gangs formuliert.
Aus dieser Idee sollte zunächst eine Bewegung mit wechselnden Mitstreitern werden. Interscope drängte jedoch auf ein klar umrissenes Gruppenalbum mit Tupac, seinem Stiefbruder Mopreme, Big Syke, Macadoshis und The Rated R. Zugleich stand das Label wegen Gangsta-Rap unter politischem Druck. Mehrere Stücke flogen deshalb heraus, darunter Runnin' mit The Notorious B.I.G., das erst später auf anderen Wegen erschien. Big Syke sagte 2016 rückblickend, das ursprüngliche Album sei nicht das gewesen, was die Öffentlichkeit zu hören bekam.
Beats von Thug Music, eine Totenklage für Kato
Ein großer Teil der Beats stammt von „Thug Music“, hinter dem Tupac und Stretch standen. Für zugänglichere Momente sorgten Gäste von außen: Johnny „J“ produzierte Pour Out a Little Liquor, das zuvor bereits auf dem Soundtrack zu Above the Rim erschienen war und zu den bekanntesten Thug-Life-Stücken zählt. Warren G und Nate Dogg steuerten How Long Will They Mourn Me? bei, eine Totenklage für Big Sykes erschossenen Freund Kato. Easy Mo Bee, der zur selben Zeit für The Notorious B.I.G. arbeitete, lieferte Str8 Ballin'.
Inhaltlich kreist das Album um Gefängnis, Verlust und Loyalität. Bury Me a G und Cradle to the Grave blicken auf ein Leben, das früh enden könnte. Es sind Themen, die Tupac wenige Monate später auf Me Against the World weiterführte.
Goldstatus, Schüsse im Quad Studio und das Ende der Gruppe
Das Album erreichte Platz 42 der Billboard 200 und Platz 6 der R&B/Hip-Hop-Alben. Als Singles erschienen Pour Out a Little Liquor (August 1994), Cradle to the Grave (November 1994) sowie 1995 Shit Don't Stop und How Long Will They Mourn Me?. Im Januar 1996 vergab die RIAA Gold.
Werbung konnte Tupac kaum machen: Am 30. November 1994 wurde er in New York in den Quad Studios angeschossen, am Tag darauf wegen sexuellen Missbrauchs schuldig gesprochen. Nach seiner Inhaftierung löste sich die Gruppe Thug Life faktisch auf.
Blaupause für die Outlawz
Thug Life: Volume 1 steht im Schatten der Soloalben, wird von Fans aber geschätzt. Rückblickende Kritiken loben den Kontrast zwischen weichen, fast zarten Instrumentals und harten Texten.
Für Tupacs Biografie ist das Werk ein wichtiges Dokument: Es zeigt ihn als Gruppenchef, der Freunde und Familie nach vorn holt, ein Muster, das er später mit den Outlawz wiederholte. Mehr zur Gruppe steht auf der Seite Thug Life.
