Meldung vom 18. Oktober 2026
Rückblick: Der Fall „Keffe D“ von 1996 bis zum Strafmaß
Von den Schüssen 1996 über „We did the other one“ bis 40 Jahre bis lebenslang: der lange Weg zum ersten Urteil im Mordfall Tupac, Schritt für Schritt.
Zwischen den Schüssen an der Flamingo Road und dem Strafmaß im Regional Justice Center liegen 30 Jahre, ein Monat und sechs Tage. Am Ende dieses Weges steht ein Mann, den keine Tatwaffe, kein Auto und keine Spur vom Tatort belastet. Verurteilt wurde Duane „Keffe D“ Davis, weil er jahrelang selbst erzählte, was in jener Nacht geschah. Dieser Rückblick verbindet die Stationen des Falls mit den Meldungen, die auf dieser Seite dazu erschienen sind.
1996: Schüsse, die niemand gesehen haben will
Am 7. September 1996 verprügelten Tupac und seine Begleiter nach dem Tyson-Kampf in der Lobby des MGM Grand Orlando „Baby Lane“ Anderson von den Southside Compton Crips. Wenige Stunden später fielen an der Kreuzung Flamingo Road und Koval Lane die Schüsse auf den BMW von Suge Knight. Tupac starb am 13. September 1996. Den Ablauf schildert Das Shooting in Las Vegas 1996.
Die Polizei in Las Vegas stieß auf Schweigen. Knight sagte, er habe „etwas gehört, aber nichts gesehen“. Informanten in Compton nannten früh Anderson, doch ohne aussagewillige Zeugen kam es zu keiner Anklage. Am 29. Mai 1998 starb Anderson bei einer Schießerei in Compton. Mehr dazu auf der Seite Die Ermittlungen und unter Orlando Anderson.
1998 bis 2009: „We did the other one“
Andersons Onkel Duane Davis sprach zum ersten Mal 1998 mit dem FBI, während eines Verfahrens wegen Kokainhandels. Damals erzählte er, er sei nach der Prügelei im Hotel Excalibur geblieben, sein Neffe sei nicht beteiligt gewesen.
Zehn Jahre später klang das anders. 2008 drohte Davis in einem Drogenverfahren lebenslange Haft. Eine Ermittlungsgruppe um LAPD-Detective Greg Kading wollte eigentlich den Mord an The Notorious B.I.G. aufklären. In einer Proffer Session, einem vertraulichen Gespräch, in dem ein Beschuldigter sein Wissen anbietet, bestritt Davis jede Rolle dabei und sagte dann: „We did the other one.“ Er habe die Waffe besorgt und nach hinten gereicht. Geschossen habe Anderson.
Davis behauptete damals auch, Sean Combs habe Geld für den Mord geboten. Combs hat das stets bestritten und wurde im Fall Shakur nie angeklagt. In einer Aufnahme von 2009, die die Anklage später im Schlussplädoyer zitierte, sagt Davis: „He gave me the gun.“ Angeklagt wurde er damals nicht, auch weil die Proffer-Vereinbarung seine Aussagen schützen sollte.
2011 bis 2019: Davis erzählt die Geschichte selbst
2011 machte Kading die Gespräche in seinem Buch Murder Rap öffentlich. Nach Darstellung der Anklage ärgerte das Davis so sehr, dass er die Geschichte fortan selbst erzählen wollte.
2018 trat er in der BET-Reihe Death Row Chronicles auf: Er habe im Cadillac gesessen, die Schüsse seien vom Rücksitz gekommen, den Schützen nenne er wegen des „Straßenkodex“ nicht. In YouTube-Interviews wurde er deutlicher. Im selben Jahr nahm die Polizei in Las Vegas den Fall wieder auf. 2019 erschien seine Autobiografie Compton Street Legend. Ankläger Marc DiGiacomo sagte später, ohne das Buch wäre Davis wahrscheinlich nie angeklagt worden.
2023: Durchsuchung und Festnahme
Am 17. Juli 2023 durchsuchte die Polizei ein Haus in Henderson bei Las Vegas, das Davis’ Ehefrau gehört. Laut Vibe nahm sie unter anderem Munition, Computer, Fotos aus den Neunzigern und das Buch mit (Meldung vom 17. Juli 2023).
Am 29. September 2023 wurde Davis festgenommen. Eine Grand Jury klagte ihn wegen Mordes unter Einsatz einer tödlichen Waffe an, mit dem Zusatz, die Tat habe einer Gang gedient (Meldung vom 29. September 2023). Sekyiwa Shakur sprach von einem „Wendepunkt“ (Reaktionen). Nach einem ersten Termin am 4. Oktober (Meldung) plädierte Davis am 2. November auf nicht schuldig; die Todesstrafe war damit vom Tisch (Meldung vom 2. November 2023). Im Dezember ließ er erklären, seine früheren Erzählungen seien bloß „Unterhaltung“ gewesen (Meldung vom 19. Dezember 2023).
2024 und 2025: Kaution, Anwälte, Verschiebungen
Fast drei Jahre lagen zwischen Festnahme und Prozess. Im Januar 2024 setzte Richterin Carli Kierny eine Kaution von 750.000 Dollar fest (Meldung), doch Davis kam nie frei: Im Juni und im August 2024 zweifelte sie an der Herkunft des Geldes (Juni, August). Davis wechselte zum Anwalt Carl Arnold (Meldung), der Prozess rutschte von Juni 2024 immer weiter nach hinten.
Im Januar 2025 lehnte Kierny den Antrag ab, die Anklage wegen der Absprachen von 2008 abzuweisen (Meldung vom 21. Januar 2025); im Juli rief die Verteidigung das Oberste Gericht von Nevada an (Meldung). Im März 2025 sagte Davis im ersten Fernsehinterview, er sei unschuldig (Meldung). Wegen einer Schlägerei im Gefängnis wurde er im September 2025 zu 16 bis 40 Monaten Haft verurteilt (Meldung). Im November 2025 fiel die letzte Verschiebung, auf August 2026 (Meldung).
2026: Die Weichen werden gestellt
Vor dem Prozess fielen die Entscheidungen, auf die es ankam. Im Februar 2026 blieben die Beweise aus der nächtlichen Durchsuchung zulässig (Meldung). Im März schied Verteidiger Robert Draskovich aus (Meldung), Michael Sanft übernahm. Im April reichte Tupacs Familie eine Zivilklage gegen Davis ein (Meldung). Am 30. Juni ließ Kierny das Buch als Beweis zu (Meldung), Ende Juli auch das Polizeiinterview von 2008 (Meldung). Damit war klar: Der Prozess würde sich um Davis’ eigene Worte drehen.
August 2026: Neun Verhandlungstage
Am 10. August begann die Auswahl der Geschworenen, am 13. August stand die Jury (Meldung). Am 17. August folgten die Eröffnungsplädoyers (Meldung). Die Anklage zeigte Davis als den Mann, der die Befehle gab; die Verteidigung bestritt, dass er überhaupt in Las Vegas war.
Die Geschworenen hörten Zeugen aus dem Umfeld von Death Row (Meldung), frühere Ermittler über Davis’ widersprüchliche Versionen von 1998 und 2008 (Meldung) und über seine unbelegte Behauptung zu Combs (Meldung). Sie sahen ungeschnittenes Interviewmaterial und hörten einen Mitschnitt aus der Haft, in dem Davis von „Blut an meinem Geld“ spricht (Meldung). Am 25. August sagte E.D.I. Mean von den Outlawz aus, der im Wagen hinter Tupac saß (Meldung). Nach 24 Zeugen schloss die Anklage (Meldung), die Verteidigung brauchte für drei Zeugen weniger als zwei Stunden. Davis sagte nicht aus (Meldung).
Schuldspruch am 31. August
Nach knapp drei Stunden Beratung sprach die Jury Davis am 31. August 2026 des Mordes ersten Grades unter Einsatz einer tödlichen Waffe schuldig; den Gang-Zusatz hatte die Anklage fallen gelassen (Meldung). Die Familie zeigte sich „begeistert und erleichtert“ (Meldung). Sanft kündigte Berufung an (Meldung), Davis beteuerte im Hollywood Reporter seine Unschuld (Meldung). Kurz darauf wurde ein Dokumentarfilm über den Prozess angekündigt (Meldung).
13. Oktober: 40 Jahre bis lebenslang
Am 13. Oktober 2026 verkündete Richterin Kierny das Strafmaß: zwei aufeinanderfolgende Strafen von je 20 Jahren bis lebenslang, zusammen 40 Jahre bis lebenslang. Eine Entlassung auf Bewährung ist frühestens nach 40 Jahren möglich. „Es hat 30 Jahre gedauert“, sagte Kierny, „aber jetzt müssen Sie sich für das verantworten, was Sie am 7. September 1996 getan haben.“ Sekyiwa Shakur und Mopreme Shakur hatten die Höchststrafe verlangt. Davis lehnte ein Schlusswort ab (Meldung vom 13. Oktober).
Was offen bleibt
Davis ist der Einzige, der je für den Mord an Tupac angeklagt und verurteilt wurde. Laut Urteil plante er die Tat und besorgte die Waffe. Wer abdrückte, musste das Gericht nicht entscheiden: Davis nannte 2008 Anderson, ein Zeuge vor der Grand Jury 2023 DeAndre Smith. Beide sind tot. Weitere Anklagen plant die Staatsanwaltschaft derzeit nicht, es fehlten die Beweise.
Das Urteil ist nicht rechtskräftig, die Berufung ist angekündigt. Alle Einzelheiten zum Verfahren stehen auf Der Prozess gegen Duane „Keffe D“ Davis, zum Verurteilten auf Duane „Keffe D“ Davis.
1996 wollte niemand etwas gesehen haben. Dass es nach 30 Jahren doch ein Urteil gibt, liegt an dem Mann, der nicht aufhören konnte, davon zu erzählen.
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