Das Shooting in Las Vegas 1996
Ein weißer Cadillac an der roten Ampel: Nach dem Tyson-Kampf wird Tupac in Las Vegas angeschossen. Er stirbt am 13. September 1996 um 16:03 Uhr.
- Ort
- Kreuzung East Flamingo Road / Koval Lane, Las Vegas, nahe dem Maxim Hotel
- Zeit
- Samstag, 7. September 1996, gegen 23:15 Uhr
- Tod
- Freitag, 13. September 1996, 16:03 Uhr, University Medical Center Las Vegas
Am späten Abend des 7. September 1996 stand ein schwarzer BMW mit offenem Beifahrerfenster an der roten Ampel der Kreuzung Flamingo Road und Koval Lane. Ein weißer Cadillac schob sich rechts daneben. Tupac Shakur, zwei Jahre zuvor im Quad Studio in New York schon einmal angeschossen, wurde aus dem fahrenden Auto heraus getroffen. Er überlebte noch sechs Tage und starb mit 25 Jahren.
Der Fall blieb 27 Jahre ohne Anklage, erst 2023 wurde ein Mann festgenommen. Den Stand des Verfahrens beschreibt die Seite Ermittlungen.
Ganz oben, mit Leibwächtern
Im Spätsommer 1996 war Tupac der größte Star von Death Row Records. Das Doppelalbum All Eyez on Me hatte sich seit Februar millionenfach verkauft, er drehte Filme wie Gridlock’d und Gang Related und nahm fast täglich neue Songs auf. Im August entstand in wenigen Tagen das Album, das nach seinem Tod unter dem Namen Makaveli erschien.
Der Erfolg hatte eine dunkle Seite. Seit Hit ‘Em Up war die Fehde mit Bad Boy und The Notorious B.I.G. offen eskaliert, Dr. Dre hatte Death Row im Frühjahr verlassen. Das Label war eng mit den Mob Piru Bloods aus Compton verbunden, deren Rivalen die Southside Compton Crips waren. Zu den MTV Video Music Awards am 4. September in New York kam Tupac nur mit Leibwächtern und Funkgerät. „Wir sind Geschäftsleute, keine Tiere“, sagte er dort in eine Kamera, und fügte hinzu, wer Ärger suche, werde ihn bekommen.
Tyson braucht 109 Sekunden
Am Wochenende des 7. September flog Tupac mit Labelchef Suge Knight und großer Entourage nach Las Vegas. Im MGM Grand forderte sein Freund Mike Tyson den WBA-Weltmeister Bruce Seldon heraus.
Tupacs Freundin Kidada Jones blieb im Hotel Luxor, sein Bodyguard Frank Alexander begleitete ihn in die Halle. Die kugelsichere Weste, die er seit dem Überfall von 1994 oft trug, hatte er an diesem Abend nicht an.
Der Kampf war schnell vorbei: Tyson schlug Seldon in der ersten Runde nach 109 Sekunden k. o. Tupac war begeistert und rief auf dem Weg nach draußen in eine Fernsehkamera, er habe fünfzig Schläge gezählt.
Ein Faustschlag in der Lobby
Kurz nach dem Kampf, nach Polizeiangaben gegen 20:45 Uhr, ging die Death-Row-Gruppe durch die Lobby des MGM Grand. Dort erkannte Travon „Tray“ Lane, ein Begleiter aus dem Umfeld des Labels, einen jungen Mann wieder: Orlando Anderson aus Compton, laut Polizei Mitglied der Southside Compton Crips. Anderson habe ihm einige Wochen zuvor in einem Einkaufszentrum in Lakewood eine Death-Row-Kette abgenommen, sagte Lane.
Tupac ging auf Anderson zu, fragte „You from the South?“ und schlug zu. Suge Knight und andere aus der Gruppe traten mit ein, die Überwachungskameras des Hotels zeichneten alles auf. Sicherheitsleute trennten die Männer. Anderson wollte keine Anzeige erstatten, und die Polizei notierte nicht einmal seinen Namen.
Die Szene dauerte nur kurz, hatte aber Folgen. Für die Ermittler lieferte sie das wahrscheinlichste Motiv, denn der Vorfall in der Lakewood Mall zeigte, dass das Death-Row-Umfeld und die Southside Crips längst verfeindet waren. Anderson war außerdem der Neffe von Duane „Keffe D“ Davis, nach Angaben der Ermittler ein führendes Mitglied der Southside Crips, der nach seiner eigenen späteren Darstellung an diesem Wochenende ebenfalls in Las Vegas war. Und für Suge Knight wurde die Schlägerei zum Verstoß gegen seine Bewährungsauflagen, der ihn 1997 für Jahre ins Gefängnis brachte.
Ein Konvoi Richtung Club 662
Tupac fuhr ins Luxor, zog sich um und fuhr dann mit Suge zu dessen Haus in Las Vegas. Geplant war eine Party in Suges Club 662, wo später auch Tyson erwartet wurde. Gegen 22:30 Uhr brach ein Konvoi von rund zehn Autos auf. Suge saß am Steuer eines schwarzen BMW 750iL, Tupac auf dem Beifahrersitz, das Fenster offen.
Auf dem Las Vegas Boulevard hielt eine Fahrradstreife der Polizei den BMW an: zu laute Musik, keine Nummernschilder. Nach wenigen Minuten durften die beiden weiterfahren, ohne Strafzettel. Der Konvoi bog in die East Flamingo Road ab, Richtung Osten.
Schüsse an der roten Ampel
Gegen 23:10 Uhr hielt der BMW an der roten Ampel an der Kreuzung Flamingo Road und Koval Lane, ein Stück östlich des Strip beim Maxim Hotel. Tupac redete durchs offene Fenster mit Frauen im Nachbarauto. Gegen 23:15 Uhr schob sich rechts neben den BMW ein weißer Cadillac mit mehreren Insassen. Vom Rücksitz aus feuerte jemand auf die Beifahrerseite.
Die Angaben schwanken zwischen 13 und 14 Schüssen, abgegeben nach späteren Ermittlungen aus einer Glock-Pistole vom Kaliber .40. Tupac wurde viermal getroffen: zweimal in die Brust, einmal in den Arm, einmal in den Oberschenkel. Einige Berichte von 1997 sprechen von drei Treffern. Er versuchte noch, sich auf den Rücksitz zu werfen. Suge Knight wurde von einem Splitter am Kopf gestreift.
Der Cadillac bog nach Süden in die Koval Lane ab und verschwand. Gefunden wurde er nie.
Vier Männer im Cadillac, nach Davis’ eigener Erzählung
Wer in dem Wagen saß, war jahrzehntelang die große Unbekannte des Falls. Nach der Version, die Duane Davis selbst ab 2008 gegenüber Ermittlern und ab 2018 öffentlich erzählte, waren es vier Männer der Southside Compton Crips: am Steuer Terrence „T-Brown“ Brown, auf dem Beifahrersitz Davis selbst, hinten sein Neffe Orlando Anderson und DeAndre „Dre“ Smith. Davis sagt, er habe die Waffe nach hinten gereicht. In seinen Aussagen von 2008 nannte er Anderson als Schützen, ein Zeuge vor der Grand Jury 2023 dagegen Smith. Nach Davis’ Darstellung, wie die Anklage sie 2026 vortrug, hatten die Männer nach Tupac und Suge gesucht, sie auf der Straße entdeckt, gewendet und waren dem Konvoi gefolgt.
Anderson, Brown und Smith sind tot, angeklagt wurde keiner von ihnen. Anderson bestritt die Tat bis zu seinem Tod 1998. Davis nennt seine früheren Erzählungen heute erfunden. Eine Jury in Las Vegas hielt sie im August 2026 dennoch für glaubhaft; mehr dazu unten und auf der Seite Ermittlungen.
Eine Meile bis zur Harmon Avenue
Mit zerschossenen Reifen wendete Suge den BMW und fuhr zurück Richtung Strip. An der Ecke Las Vegas Boulevard und Harmon Avenue, rund eine Meile entfernt, stoppten ihn Polizisten der Fahrradstreife. Sie wussten zunächst nicht, wen sie vor sich hatten, und ließen Suge und die Männer aus den nachfolgenden Autos sich mit vorgehaltener Waffe auf den Boden legen. Ein Polizist fragte den schwer verletzten Tupac, wer geschossen habe. Nach späteren Aussagen von Beamten verweigerte Tupac jede Antwort und beschimpfte ihn. Sanitäter brachten ihn ins University Medical Center (UMC), das Traumazentrum der Stadt, wo er kurz vor Mitternacht eintraf.
Im Auto direkt hinter dem BMW hatten Frank Alexander, Tupacs Background-Rapper Malcolm Greenidge und Yafeu „Yaki Kadafi“ Fula von den Outlawz gesessen. Kadafi sagte der Polizei noch in der Nacht, er könne den Schützen womöglich wiedererkennen. Zu einer ausführlichen Vernehmung kam es nie: Am 10. November 1996 wurde er in Orange, New Jersey, erschossen. Einen Zusammenhang mit dem Fall Shakur sah die Polizei nicht.
Sechs Tage auf der Intensivstation
Tupac wurde sofort operiert. Etwa 20 Stunden später folgte ein zweiter Eingriff, bei dem die Ärzte den rechten Lungenflügel entfernten. Danach lag er auf der Intensivstation, an ein Beatmungsgerät angeschlossen und stark sediert. Klinik-Sprecher Dale Pugh sagte, er sei zwischenzeitlich bei Bewusstsein gewesen.
Seine Mutter Afeni Shakur und weitere Angehörige hielten Wache. Besucher kamen, unter ihnen Jesse Jackson, Vertreter der Nation of Islam und Tupacs Labelkollege Hammer. Vor der Klinik standen Fans, Kamerateams, Polizei und Death-Row-Sicherheitsleute. Am Montag kam es dort zu einem Gerangel zwischen Polizei und Leuten aus Tupacs Umfeld, einige wurden kurz festgenommen.
Anfangs gaben die Ärzte ihm eine Überlebenschance von eins zu fünf. Am Dienstag hieß es, sein Zustand habe sich leicht gebessert, am Donnerstag wollten sie keine Prognose mehr abgeben. Nachdem er versucht hatte aufzustehen, wurde Tupac in ein künstliches Koma versetzt.
Suge Knight war schon am Sonntag entlassen worden. Am Mittwoch sprach er mit der Polizei und sagte, er habe etwas gehört, aber nichts gesehen. Auch die übrigen Zeugen aus der Entourage halfen den Ermittlern kaum.
Freitag, der 13., 16:03 Uhr
Am Nachmittag des 13. September 1996 starb Tupac Shakur um 16:03 Uhr Ortszeit im UMC. Als Todesursache nannte die Klinik Atemversagen und Herz-Kreislauf-Stillstand als Folge der Schussverletzungen. Er war 25 Jahre alt.
Vor dem Krankenhaus versammelten sich Hunderte Menschen, Autos fuhren langsam vorbei und spielten seine Songs. Am Tag darauf wurde Tupacs Leichnam in Las Vegas eingeäschert, eine öffentliche Trauerfeier gab es nicht. An der Kreuzung Flamingo und Koval legten Fans Blumen nieder. Wie die Woche im Einzelnen verlief, steht auf der Seite Die letzte Woche.
Trauer, Besinnung und steigende Verkäufe
Die Nachricht löste weit über den Hip-Hop hinaus Bestürzung aus. Viele Weggefährten sprachen öffentlich über Gewalt unter jungen Schwarzen und über die Rolle der Musik. In New York lud die Nation of Islam am 22. September 1996 zu einem „Hip-Hop Day of Atonement“, einem Tag der Besinnung zu Tupacs Gedenken. Es kamen so viele Menschen, dass die Veranstaltung in ein größeres Gebäude umziehen musste. Musiker wie Q-Tip und Grandmaster Flash riefen dazu auf, Verantwortung für die Szene zu übernehmen.
Gleichzeitig stiegen Tupacs Verkaufszahlen. All Eyez on Me kletterte in den Wochen nach seinem Tod in den Billboard-Charts wieder nach oben. Am 5. November 1996 erschien das Makaveli-Album The Don Killuminati: The 7 Day Theory, der Auftakt zu einer langen Reihe posthumer Veröffentlichungen.
Dutzende Zeugen, keine Aussage
Die Polizei von Las Vegas (Las Vegas Metropolitan Police Department, kurz Metro) übernahm den Fall unter Sergeant Kevin Manning. Das Grundproblem zeigte sich schnell: Dutzende Menschen waren in der Nähe gewesen, doch niemand wollte aussagen. Manning klagte öffentlich über die mangelnde Kooperation des Death-Row-Umfelds.
In Compton brach unterdessen ein Bandenkrieg aus. Nach einer eidesstattlichen Erklärung der Polizei von Compton wurden in den Tagen nach den Schüssen mehrere Menschen getötet und verletzt, darunter am 11. September ein Mitglied der Southside Crips. Informanten nannten früh einen Namen: Orlando Anderson, den Mann aus der Lobby. Am 2. Oktober 1996 wurde Anderson bei einer Razzia in Compton festgenommen, aber ohne Anklage wieder freigelassen. Er bestritt die Tat bis zu seinem Tod 1998.
Suge Knight wurde im Februar 1997 wegen der Schlägerei im MGM Grand zu neun Jahren Haft verurteilt, als Verstoß gegen seine Bewährung. Am 9. März 1997, gut ein halbes Jahr nach Tupac, wurde The Notorious B.I.G. in Los Angeles erschossen, ebenfalls aus einem Auto heraus.
Was strittig bleibt
Viele Details dieses Abends sind umstritten. Frank Alexander und Malcolm Greenidge sagten 1997 der Los Angeles Times, sie hätten die Insassen des Cadillac gesehen und seien nie zu Fotos befragt worden. Die Polizei hielt dagegen, beide hätten in ihren protokollierten Aussagen aus der Tatnacht erklärt, niemanden erkennen zu können.
Auch bei der Zahl der Treffer, der Zahl der Schüsse und den genauen Uhrzeiten weichen die Quellen leicht voneinander ab. Die Las Vegas Sun schrieb 1997 von drei Treffern, die meisten Berichte und die Ermittler sprechen von vier. Für die Lobby-Schlägerei schwanken die Zeitangaben zwischen 20:45 Uhr und kurz nach 21 Uhr, je nachdem, wann man das Kampfende ansetzt.
Ein Schuldspruch nach 30 Jahren
27 Jahre lang blieb der Fall ohne Anklage. Im September 2023 wurde Duane „Keffe D“ Davis, Andersons Onkel, in Henderson bei Las Vegas festgenommen und wegen Mordes angeklagt. In Interviews und einem Buch hatte er selbst geschildert, im Cadillac gesessen zu haben. Am 31. August 2026 sprach ihn eine Jury in Las Vegas des Mordes ersten Grades unter Einsatz einer tödlichen Waffe schuldig. Die Anklage hatte ihm nicht vorgeworfen, selbst geschossen zu haben, sondern die Tat geplant und die Waffe beschafft zu haben.
Stand Oktober 2026 ist das Urteil nicht rechtskräftig: Das Strafmaß soll am 13. Oktober 2026 verkündet werden, Davis hat Berufung angekündigt und beteuert inzwischen seine Unschuld. Wie das Verfahren verlief, beschreibt die Seite Ermittlungen 1996 bis heute, die zahlreichen Theorien um Tupacs Tod behandelt die Seite Theorien.
Damit ist zum ersten Mal ein Mensch für die Schüsse an der Koval Lane verurteilt worden. Wer geschossen hat, ist gerichtlich nicht festgestellt, und das Urteil ist nicht rechtskräftig.