1993 war Tupac der Star und Biggie der Neue, den er bei Konzerten mit auf die Bühne holte. Keine vier Jahre später waren beide tot, ermordet im Abstand von sechs Monaten. Dazwischen lag ein Streit, den Plattenfirmen, Magazine und Gerüchte zu einem „Krieg“ zwischen Ost- und Westküste aufbliesen. Kein Kapitel in Tupacs Leben wurde so oft erzählt und so oft verzerrt.
Der Star und sein Schützling (1993 bis 1994)
1993 lernte Tupac in Los Angeles Christopher Wallace kennen, einen jungen Rapper aus Brooklyn, der als Biggie Smalls bei Sean „Puffy“ Combs unter Vertrag stand. Tupac war damals schon bekannt, Biggie noch nicht, und Tupac nahm ihn unter seine Fittiche. Laut Thug-Life-Mitglied Big Syke sollte Biggie ursprünglich auch beim Projekt Thug Life mitmachen.
1993 nahmen die beiden gemeinsam Runnin’ from tha Police auf. Eine neue Fassung war für das Thug-Life-Album gedacht, fiel 1994 aber mit anderen Songs heraus, die Interscope zu heikel waren, und erschien erst 1995 auf einer Compilation. Oft heißt es, Combs habe Biggie den Einstieg bei Thug Life verboten. Belegt ist nur, dass es dazu nicht kam.
Schüsse im Quad, dann ein Song mit passendem Titel (1994 bis 1995)
Am 30. November 1994 wurde Tupac im Foyer der Quad Studios in Manhattan überfallen, ausgeraubt und angeschossen. Im selben Gebäude nahmen Biggie und Leute aus dem Bad-Boy-Umfeld auf. Am nächsten Tag wurde Tupac wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt, im Februar 1995 trat er seine Haftstrafe an. Einzelheiten stehen unter Shooting 1994.
Im Februar 1995 erschien Biggies Who Shot Ya? als B-Seite der Single Big Poppa. Biggie und Combs erklärten, der Song sei vor dem Überfall entstanden und habe mit Tupac nichts zu tun. Tupac hörte darin Hohn.
Im Interview mit Vibe vom April 1995 deutete er an, Biggie, Combs und der Uptown-Chef Andre Harrell hätten von dem Überfall gewusst. Beweise dafür gab es nicht. 2011 gab ein Häftling namens Dexter Isaac an, an dem Überfall beteiligt gewesen zu sein, und belastete einen New Yorker Musikmanager, der dafür nie angeklagt wurde. Eine Verbindung zu Biggie oder Combs wurde nie nachgewiesen.
Death Row macht die Fehde zur Firmensache (1995 bis 1996)
Bei den Source Awards am 3. August 1995 in New York verspottete Suge Knight Combs von der Bühne herab als Produzenten, der sich in jedes Video seiner Künstler dränge. Combs nutzte später dieselbe Bühne für einen Aufruf zum Frieden zwischen Ost und West.
Im September 1995 wurde bei einer Party in Atlanta Jake Robles erschossen, ein Freund Knights aus dem Death-Row-Umfeld. Knight gab Combs’ Leuten die Schuld. Aufgeklärt wurde die Tat nie.
Aus der Zelle mitten in den Streit
Im Oktober 1995 holte Knight Tupac aus dem Gefängnis, und Tupac machte die Fehde zu seiner eigenen. Öffentlich behauptete er, mit Biggies Ehefrau Faith Evans geschlafen zu haben. Evans hat das stets bestritten.
In ihren Memoiren Keep the Faith (2008) schilderte sie es so: Im Oktober 1995 nahm sie gegen Honorar Gesang für einen seiner Songs auf. Als sie das Geld in seinem Hotelzimmer abholte, habe er ihr ein sexuelles Angebot gemacht, das sie zurückwies.
Auch abseits der Mikrofone wurde es gefährlich. Im Dezember 1995 drehten Tha Dogg Pound und Snoop Dogg in Brooklyn das Video zu New York, New York, als auf das Set geschossen wurde; der Schütze wurde nie ermittelt. Bei den Soul Train Music Awards im März 1996 in Los Angeles standen sich beide Lager gegenüber.
Ein Diss-Track, auf den keine Antwort kam
Im Juni 1996 erschien Hit ‘Em Up als B-Seite von How Do U Want It. Der Song zählt zu den härtesten Diss-Tracks der Rapgeschichte, also Stücken, die gezielt namentlich genannte Gegner schmähen. Er richtete sich gegen Biggie, Combs, Junior M.A.F.I.A., Lil’ Kim und andere, die Outlawz steuerten Strophen bei. Auf dem posthumen Makaveli-Album setzte Tupac die Angriffe fort, etwa in Bomb First (My Second Reply) und Against All Odds.
Biggie antwortete nie mit einem ausdrücklichen Diss-Track. Ob einzelne Zeilen auf seinem letzten Album Tupac galten, ist umstritten.
Zwei Lager, keine zwei Küsten
Die Fehde war ein Streit zwischen zwei Lagern, nicht zwischen zwei Küsten. Tupac arbeitete auch 1996 mit New Yorker Rappern wie Method Man und Redman. Mit One Nation plante er ein Album mit Künstlern von beiden Küsten, und am 4. September 1996 versöhnte er sich bei den MTV Video Music Awards mit Nas.
Magazine wie Vibe und The Source machten aus dem Konflikt trotzdem Titelgeschichten. „East vs. West“ verkaufte sich eben gut.
Zwei Morde in sechs Monaten
Am 7. September 1996 wurde Tupac in Las Vegas angeschossen, am 13. September starb er. Für den 22. September lud die Nation of Islam New Yorker Hip-Hop-Größen in ihre Moschee Nr. 7 in Harlem zu einem Friedensgipfel ein. Im Februar 1997 traten Snoop Dogg und Combs gemeinsam in der Steve Harvey Show und vor der Presse auf und forderten ein Ende der Fehde.
Wenige Wochen später, am 9. März 1997, wurde Biggie in Los Angeles nach einer Party aus einem Auto heraus erschossen. Dieser Mord ist nie aufgeklärt worden.
Ein Schuldspruch, dreißig Jahre später
Im Prozess um Tupacs Tod sprach eine Jury in Las Vegas am 31. August 2026 Duane „Keffe D“ Davis des Mordes ersten Grades unter Einsatz einer tödlichen Waffe schuldig. Die Anklage beschrieb die Tat als Rache der Southside Compton Crips für den Angriff auf Davis’ Neffen Orlando Anderson im MGM Grand.
Davis hatte in Vernehmungen 2008 und 2009 behauptet, Combs habe ihm eine Million Dollar für den Mord an Tupac und Knight geboten; Aufnahmen davon wurden im Prozess abgespielt. Combs hat jede Beteiligung stets bestritten, die Polizei von Las Vegas führte ihn nach eigenen Angaben nie als Verdächtigen, angeklagt wurde er in diesem Zusammenhang nie.
Davis kündigte Berufung an, das Urteil ist nicht rechtskräftig. Das Strafmaß soll am 13. Oktober 2026 verkündet werden (Stand 8. Oktober 2026). Mehr unter Shooting 1996.
Gesten, Gerüchte und ein anderes Verfahren
Auf seiner „No Way Out“-Tour ließ Combs im November 1997 das Publikum Tupacs Hail Mary mitsingen, berichtete MTV News. Los Angeles, wo Biggie erschossen worden war, ließ er aus. Gelegentlich wird behauptet, Napoleon von den Outlawz habe Combs wegen dieser Geste hinter der Bühne geschlagen. Dafür fand sich kein Beleg.
Mitunter taucht ein New Yorker Unterweltkontakt namens „Nigel“ oder „Trevor“ als geständiger Drahtzieher des Überfalls von 1994 auf. Auch das ist nicht belegt.
Combs selbst wurde im Juli 2025 in einem anderen Bundesverfahren in New York, das nichts mit Tupac oder Biggie zu tun hat, in zwei Punkten wegen Beförderung zur Prostitution schuldig gesprochen. Von den schwersten Vorwürfen, Verschwörung zur organisierten Kriminalität und Menschenhandel, sprach ihn die Jury frei. Im Oktober 2025 wurde er zu 50 Monaten Haft verurteilt. Über seine Berufung, die im April 2026 verhandelt wurde, war bis Anfang Oktober 2026 nicht entschieden (Stand 8. Oktober 2026).
Keiner der beiden Rapper wurde älter als 25. Die Erzählung vom Krieg der Küsten hat sie beide überlebt.