Das Shooting im Quad Studio 1994
Kurz nach Mitternacht am Times Square: Tupac wird im Quad Studio überfallen und angeschossen. Aus der Nacht zum 30. November 1994 wächst die Fehde mit Bad Boy.
- Ort
- Quad Recording Studios, 723 Seventh Avenue, Times Square, New York
- Zeit
- 30. November 1994, gegen 0:20 Uhr
- Verletzt
- Tupac Shakur (mehrere Schusswunden), sein Begleiter Freddie Moore (Bauchschuss)
Kurz nach Mitternacht, in der Eingangshalle eines Tonstudios am Times Square, ziehen zwei Männer Pistolen und verlangen den Schmuck. Tupac Shakur weigerte sich, wehrte sich und wurde in der Nacht zum 30. November 1994 angeschossen und ausgeraubt. Er überlebte. Die Polizei sprach von einem Raubüberfall, Tupac von einer Falle.
Aus dieser Nacht entstand der Streit mit dem New Yorker Label Bad Boy, der bis 1996 den Hip-Hop beschäftigte. Wer den Überfall in Auftrag gab, hat nie ein Gericht geklärt.
Tagsüber der Prozess, abends ein Feature
Tupac war Ende November 1994 in New York, weil ihm dort der Prozess gemacht wurde: Eine junge Frau hatte ihn und zwei Begleiter im November 1993 angezeigt (siehe Tupacs Rechtsfälle). Am 29. November 1994 zog sich die Jury zur Beratung zurück. Sie war abgeschirmt und erfuhr nichts von dem, was in der folgenden Nacht geschah. Nebenbei stand Tupac in New York für den Film Bullet vor der Kamera.
Laut seiner eigenen Schilderung im Magazin Vibe nahm er an diesem Abend zunächst bei DJ Ron G in Harlem einen Part für dessen Mixtapes auf, ohne Gage. Dann meldete sich ein Bekannter namens Booker per Pager: Tupac solle auf einer Platte des Sängers Little Shawn rappen. Tupac verlangte 7.000 Dollar, nach einigem Hin und Her wurde ihm das Geld zugesagt. Er brauchte es, denn seine Konzerte wurden reihenweise abgesagt, und die Einnahmen gingen an Anwälte.
Ein Zuruf von oben, zwei Pistolen in der Lobby
Gegen Mitternacht kam Tupac mit drei Begleitern zum Quad Studio an der Seventh Avenue: sein langjähriger Freund und Produzent Randy „Stretch“ Walker, dessen Bekannter Freddie Moore und Zayd Turner, damals der Freund seiner Schwester Sekyiwa. Von oben rief ihnen Little Caesar zu, ein enger Begleiter des Rappers The Notorious B.I.G. Gerade das, sagte Tupac später, habe ihn beruhigt.
Vor dem Haus stand ein Mann in Armeejacke, der kaum aufschaute, in der Lobby saß ein zweiter mit einer Zeitung. Als die Gruppe auf den Aufzug wartete, zogen beide Pistolen. Alle sollten sich auf den Boden legen und den Schmuck herausgeben. Stretch, Moore und Turner gehorchten, Tupac nicht. Er weigerte sich, seine Ketten abzunehmen, und griff nach der Waffe des Mannes vor ihm. Dabei fiel der erste Schuss.
Was dann genau geschah, ist umstritten. Tupac erzählte, er sei am Boden getreten und mehrfach getroffen worden, auch am Kopf, und habe immer wieder das Bewusstsein verloren. Stretch sagte später, er habe nur einen Schuss gehört; Tupac habe nach seiner eigenen Pistole gegriffen. Die Täter erbeuteten Schmuck im Wert von rund 40.000 Dollar. Freddie Moore verlor Schmuck für rund 5.000 Dollar und wurde in den Bauch geschossen.
Nach Polizeiangaben wurde Tupac zweimal am Kopf, zweimal in der Leistengegend und einmal an der Hand getroffen. Er selbst und die meisten späteren Berichte sprechen von fünf Treffern. Die Ärzte, so Tupac, hätten ihm gesagt, die Kugeln seien am Kopf wie in der Leiste nur durch die Haut gegangen; bleibende Schäden befürchteten sie nicht.
Oben im Studio sah ihn niemand an
Statt auf die Polizei zu warten, fuhr Tupac mit dem Aufzug nach oben. Dort liefen an diesem Abend mehrere Sessions: Little Shawn mit Uptown-Chef Andre Harrell, ein Stockwerk weiter The Notorious B.I.G. mit seiner Crew Junior M.A.F.I.A., dazu Sean „Puffy“ Combs, der gerade vom Videodreh zu Biggies Warning kam.
Tupac beschrieb die Szene später als kalt: Niemand habe ihn angesehen, Booker habe überrascht gewirkt, Little Shawn habe hemmungslos geweint. Er rauchte einen Joint, rief seine Freundin an und ließ seine Mutter Afeni Shakur verständigen. Die eintreffende Polizei empfand er als Hohn: Einer der ersten Beamten sei derselbe gewesen, der im Vergewaltigungsprozess gegen ihn ausgesagt habe.
Mit verbundenem Kopf vor Gericht
Tupac wurde ins Bellevue Hospital gebracht und dort operiert. Schon kurz darauf verließ er die Klinik auf eigene Verantwortung, weil er sich dort nicht sicher fühlte.
Am Morgen des 1. Dezember 1994 tauchte er überraschend im Gerichtssaal in Manhattan auf, den Kopf verbunden. Danach ließ er sich unter dem Decknamen „Bob Day“ im Metropolitan Hospital aufnehmen. Als die Jury am selben Tag ihr Urteil verkündete, war er nicht im Saal: schuldig der sexuellen Nötigung („sexual abuse in the first degree“) in drei Punkten, freigesprochen von den Vorwürfen der Sodomie und des Waffenbesitzes. Am 7. Februar 1995 wurde er zu anderthalb bis viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Die Einzelheiten stehen auf der Seite Rechtsfälle.
Auch das Metropolitan verließ er bald wieder, weil dort, wie er sagte, anonyme Anrufer wissen wollten, ob er noch lebe. Die folgenden Tage verbrachte er bei Freunden in New York, nach Angaben der Schauspielerin Jasmine Guy in ihrer Wohnung.
Die New Yorker Polizei behandelte den Überfall als Raub. „Wir glauben wirklich, dass es ein Raubüberfall war“, sagte Assistant Chief John Hill am Tag danach. Tupacs Anwalt hielt dagegen, es sehe nach einer Falle aus. Weil Tupac nicht mit den Ermittlern zusammenarbeitete, verlief der Fall im Sand.
Das Interview „Ready to Live“
Im Januar 1995 empfing Tupac den Journalisten Kevin Powell im Gefängnis auf Rikers Island. Das Gespräch erschien im April 1995 in Vibe unter dem Titel „Ready to Live“, und es war sein erstes ausführliches Wort zu der Nacht. Minutiös erzählte er, wie die Täter ihn erwartet hätten, und deutete an, dass Leute im Studio mehr wussten. Bad-Boy-Leute nannte er als Anwesende, nicht ausdrücklich als Auftraggeber. Die meisten Leser verstanden es dennoch so.
Er sprach auch über einen Mann, den er „Nigel“ nannte und mit dem er während der Dreharbeiten zu Above the Rim 1993 viel Zeit verbracht habe; dieser habe ihn mit Booker bekannt gemacht. Fans und viele Autoren deuten „Nigel“ als Decknamen für Jacques „Haitian Jack“ Agnant, der im Prozess in Manhattan mitangeklagt war. Belegt ist diese Gleichsetzung nicht, Tupac selbst blieb bei Andeutungen.
„I felt nervous because this guy knew somebody I had major beef with.“ Tupac in Vibe, April 1995
Alle Genannten widersprachen
Vibe ließ die Genannten wenige Monate später zu Wort kommen, und alle widersprachen. Stretch, der Tupac seit den Anfängen kannte, warf ihm vor, die Regeln der Straße gebrochen zu haben: Man rede nicht in der Zeitung. Feige verhalten habe er sich nicht; ohne Waffe habe er schlicht nichts ausrichten können.
Booker sagte, Tupac sei aus dem Aufzug gekommen und habe ihn sofort beschuldigt, ihn verraten zu haben. Little Shawn stritt ab, geweint zu haben, und klagte, er werde seitdem bedroht. Andre Harrell erinnerte sich, er habe den Krankenwagen organisiert und Stretch gebeten, Tupac nicht allein mit der Polizei zu lassen. Sean Combs erklärte, niemand habe Tupac den Rücken gekehrt:
„I would never, ever purposely try to hurt no next man.“ Sean Combs in Vibe, 1995
Auch The Notorious B.I.G. bestritt stets, etwas mit dem Überfall zu tun zu haben.
Aus Freunden werden Gegner
Bis zu dieser Nacht waren Tupac und Biggie befreundet gewesen. Tupac hatte den jüngeren Rapper gefördert, beide waren zusammen aufgetreten. Nach dem Quad-Überfall war damit Schluss. Am 21. Februar 1995, als Tupac in Haft saß, erschien auf einer Neuauflage der Single Big Poppa der Song Who Shot Ya?. Viele hörten darin Spott über den Überfall. Biggie und Combs erklärten, der Song sei vor der Nacht im Quad entstanden und nicht auf Tupac gemünzt.
Im Oktober 1995 kam Tupac auf Kaution frei, bezahlt von Death Row Records, und unterschrieb bei Suge Knight. Von da an wurde der Streit öffentlich und laut. Im Juni 1996 erschien Hit ‘Em Up, Tupacs direkter Angriff auf Biggie, Bad Boy und deren Umfeld. Im Video zu 2 of Amerikaz Most Wanted mit Snoop Doggy Dogg treten Doppelgänger von Biggie und Combs auf, die für Verrat zur Rede gestellt werden. Auf dem posthum erschienenen Makaveli-Album (November 1996) nennt Tupac in Against All Odds Namen, darunter „Haitian Jack“ und „Jimmy Henchman“, und wirft ihnen den Überfall vor.
Am 30. November 1995, genau ein Jahr nach dem Quad-Überfall, wurde Stretch in Queens Village aus einem fahrenden Auto heraus erschossen. Der Mord wurde nie aufgeklärt; ein Zusammenhang mit Tupac wurde vermutet, aber nie belegt.
Drei Spuren, kein Urteil
2008: die zurückgezogene Enthüllung. Im März 2008 berichtete die Los Angeles Times, James „Jimmy Henchman“ Rosemond, damals Manager mehrerer Rapper, habe den Überfall organisiert. Die Geschichte stützte sich unter anderem auf angebliche FBI-Unterlagen. Kurz darauf wies The Smoking Gun nach, dass diese Unterlagen gefälscht waren, offenbar von einem verurteilten Betrüger, der als Informant diente. Im April 2008 zog die Zeitung den Artikel vollständig zurück.
2011: Dexter Isaac. Am 15. Juni 2011, einen Tag vor Tupacs 40. Geburtstag, veröffentlichte die Website AllHipHop einen Brief des Häftlings Dexter Isaac, der wegen eines anderen Mordes eine lebenslange Strafe verbüßte. Isaac schrieb, er sei einer der Täter im Quad gewesen. Rosemond habe ihn beauftragt und ihm 2.500 Dollar sowie den Schmuck überlassen, bis auf einen Ring. Wer geschossen hatte, sagte er nicht. Rosemonds Anwalt nannte das den Versuch eines Lebenslänglichen, sich Vorteile zu verschaffen.
2012: Rosemonds angebliches Eingeständnis. Im Juni 2012 berichtete die Village Voice, Rosemond habe in vertraulichen Gesprächen mit der Staatsanwaltschaft seine Beteiligung zugegeben. Solche „Proffer Sessions“ sind Vorgespräche, in denen ein Beschuldigter aussagt, ohne dass seine Worte in der Regel direkt gegen ihn verwendet werden dürfen. Hinweis darauf sei eine Bemerkung in seinem Drogenprozess. The Smoking Gun meldete dagegen unter Berufung auf drei mit den Gesprächen vertraute Quellen, Rosemond habe jede Beteiligung bestritten. Die Frage ist damit offen.
Strafrechtlich hat das alles keine Folgen mehr, denn die Verjährungsfrist für den Überfall war längst abgelaufen. Rosemond selbst wurde 2012 in Brooklyn wegen Kokainhandels verurteilt und 2017 in einem zweiten Prozess wegen eines Auftragsmordes aus dem Jahr 2009 schuldig gesprochen. Er verbüßt eine lebenslange Haftstrafe.
Was feststeht und was nicht
Fest steht: Tupac wurde in der Nacht zum 30. November 1994 in der Lobby des Quad Studio beraubt und angeschossen, Freddie Moore wurde ebenfalls verletzt. Die Täter wussten offenbar, dass er kommen würde, und sie hatten es auf seinen Schmuck abgesehen. Angeklagt wurde nie jemand.
Nicht belegt ist, dass The Notorious B.I.G. oder Sean Combs von dem Überfall wussten. Dafür gibt es keinen Beweis, und beide haben es stets bestritten. Die Spur zu Jimmy Henchman beruht auf dem Geständnis eines Häftlings und auf widersprüchlichen Berichten über Rosemonds Aussagen.
Nach dieser Nacht traute Tupac fast niemandem in New York mehr. Er verlor Freunde und ging nach der Haft zu Death Row nach Los Angeles. Knapp zwei Jahre später wurde er an einer roten Ampel in Las Vegas angeschossen: siehe Das Shooting in Las Vegas 1996.