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1.028 Wörter · 5 Min.

Der LA-Times-Skandal um Chuck Philips

2008 stützte sich die Los Angeles Times für einen Artikel über Tupac auf gefälschte FBI-Papiere. Der Fall Chuck Philips und die Gefahren anonymer Quellen.

Kaum ein Journalist hat sich so hartnäckig in die Morde an Tupac Shakur und The Notorious B.I.G. verbissen wie Chuck Philips. Und kaum ein Fall zeigt drastischer, wie eine einzige gefälschte Quelle eine ganze Recherche ruinieren kann. 2008 zog die Los Angeles Times einen von Philips’ Artikeln restlos zurück. Die Basis seiner Geschichte waren erfundene FBI-Akten. (Den Überfall, um den es in dem Text ging, beschreibt die Seite Shooting 1994.)

Ein Pulitzer-Gewinner mit direktem Draht

Philips schrieb in den 1990er-Jahren für die Los Angeles Times über die Musikindustrie. Er kannte Tupac persönlich: Im August 1995 führte er ein langes Gespräch mit dem Rapper (dokumentiert unter Interview vom 25. August 1995). 1999 gewann er zusammen mit seinem Kollegen Michael Hiltzik den Pulitzer-Preis in der Kategorie Beat Reporting für eine Serie über Korruption im Musikgeschäft.

Die Serie von 2002: Ein unbewiesener Mordvorwurf

Im September 2002 veröffentlichte die Zeitung an zwei Tagen Philips’ Recherche „Who Killed Tupac Shakur?“. Ein Jahr Arbeit steckte in dem Text, der zwei Kernbehauptungen aufstellte: Tupac sei von Mitgliedern der Southside Compton Crips erschossen worden, als Rache für die Prügel gegen Orlando Anderson im MGM Grand; Anderson selbst habe geschossen. Zudem behauptete Philips, The Notorious B.I.G. habe den Crips eine Million Dollar für den Mord geboten, seine eigene Pistole zur Verfügung gestellt und sei am Tatabend in Las Vegas gewesen.

Biggies Familie reagierte empört und wies die Darstellung als falsch und rufschädigend zurück. Sie legte Unterlagen vor, wonach Biggie zur Tatzeit in einem Studio in New Jersey war. Die New York Times stufte diese Papiere zwar nicht als schlüssig ein, doch Philips stützte sich auf anonyme Quellen, und richtete die schwersten Vorwürfe gegen Menschen, die bereits tot waren. Bewiesen wurde der Vorwurf gegen Biggie nie.

Die Zeitung zog die Serie von 2002 nie zurück. Ein Teil davon deckt sich mit dem, was Ermittler Jahre später von Duane „Keffe D“ Davis hörten, etwa die Rolle der Southside Crips und die Rache für die Schlägerei in der Casino-Lobby (siehe Die Schlägerei im MGM Grand und Ermittlungen). Der Vorwurf gegen Biggie gehört dagegen bis heute zu den unbelegten Theorien.

Puffy, Jimmy Henchman und das Quad-Studio

Sechs Jahre später, am 17. März 2008, erschien auf der Website der Los Angeles Times ein neuer Philips-Artikel: „An Attack on Tupac Shakur Launched a Hip-Hop War“. Der Text handelte nicht vom Mord in Las Vegas, sondern vom Überfall im New Yorker Quad Recording Studio im November 1994. Philips schrieb, Leute aus dem Umfeld von Sean „Puffy“ Combs hätten die Tat organisiert, darunter der Manager James „Jimmy Henchman“ Rosemond. Der Text legte zudem nahe, Combs habe vorab davon gewusst. Als Beleg dienten anonyme Quellen und angebliche interne Berichte des FBI, sogenannte 302-Protokolle.

Combs widersprach sofort. Die Geschichte sei „beyond ridiculous“ und völlig falsch, ließ er erklären. Weder Biggie noch er hätten vor, während oder nach dem Überfall davon gewusst.

Eine alte Schreibmaschine bringt die Fälschung ans Licht

Neun Tage später, am 26. März 2008, demontierte die Website The Smoking Gun den Artikel. Die angeblichen FBI-Dokumente waren Fälschungen von James Sabatino, einem inhaftierten, wegen Betrugs verurteilten Mann, der sich seit Jahren als Vertrauter von Rap-Stars ausgab. Die Papiere enthielten zahlreiche Rechtschreibfehler und waren mit einer Schreibmaschine getippt, die das FBI seit Jahrzehnten nicht mehr benutzte.

Noch am selben Tag entschuldigten sich Philips und die Zeitung. „Indem ich mich auf Dokumente verlassen habe, die ich jetzt für gefälscht halte, habe ich meine Arbeit nicht gemacht“, erklärte Philips. Chefredakteur Russ Stanton kündigte eine interne Prüfung an.

Am 7. April 2008 folgte die förmliche Rücknahme. Die Zeitung kam zu dem Schluss, dass Sabatino die FBI-Berichte erfunden hatte, ebenso seine eigene angebliche Rolle beim Überfall und seine Verbindungen zu Combs, Rosemond und anderen. Auch weitere Quellen stützten die Hauptaussagen des Artikels nicht. Im Sommer 2008 verlor Philips bei einem Stellenabbau der Zeitung seinen Arbeitsplatz.

Späte Behauptungen und harte Urteile

Erledigt war die Geschichte damit nicht. Am 15. Juni 2011 veröffentlichte die Website AllHipHop einen Brief des Häftlings Dexter Isaac, der eine lebenslange Strafe wegen eines anderen Mordes verbüßte. Isaac schrieb, er sei einer der Täter im Quad-Studio gewesen. Rosemond habe ihn beauftragt und mit 2.500 Dollar sowie dem erbeuteten Schmuck bezahlt. Rosemonds Anwalt wies das als Versuch eines Lebenslänglichen zurück, sich Vorteile zu verschaffen.

Philips sah sich bestätigt. Wenige Tage später, im Juni 2011, verlangte er von der Los Angeles Times, die Rücknahme von 2008 ihrerseits zurückzunehmen; die Zeitung äußerte sich dazu nicht. Philips beharrte bis zuletzt darauf, der Kern seiner Geschichte sei richtig gewesen, und sagte, die Redaktion habe ihn gedrängt, die Dokumente zu verwenden. 2012 berichtete er in der Village Voice, Rosemond habe in vertraulichen Gesprächen mit Staatsanwälten seine Beteiligung eingeräumt. Rosemonds Anwalt bestritt das „kategorisch“, und The Smoking Gun meldete unter Berufung auf andere Quellen das Gegenteil (Meldung vom 25.06.2012).

Rosemond wurde 2012 in Brooklyn wegen Kokainhandels verurteilt und 2017 in einem weiteren Prozess wegen eines Auftragsmordes aus dem Jahr 2009 schuldig gesprochen. Für den Überfall auf Tupac wurde er nie angeklagt; die Tat war längst verjährt. Ob er daran beteiligt war, ist bis heute nicht gerichtlich geklärt, und für ihn wie für alle anderen Genannten gilt in dieser Frage die Unschuldsvermutung. Combs wurde weder im Zusammenhang mit dem Überfall 1994 noch im Mordfall Shakur je beschuldigt oder angeklagt.

Philips blieb dem Thema treu. Am 13. September 2012 veröffentlichte er einen Text über Twitter und eine eigene Website (Meldung). Im Januar 2024 starb er im Alter von 71 Jahren.

Gefährliche Quellen und ungelöste Rätsel

Der Absturz des Reporters zeigt drastisch, wie riskant amtlich wirkende, aber ungeprüfte Papiere sind. Gleichzeitig macht eine Fälschung nicht zwingend jede andere Behauptung eines Textes falsch, auch wenn Isaac 2011 Rosemond belastete, wurden Sabatinos Papiere dadurch nicht echt. Umgekehrt beweist die Rücknahme des Artikels nicht, dass jedes Detail erfunden war.

Vor allem stützten sich beide großen Artikel von Philips maßgeblich auf anonyme Quellen. Die schwersten Vorwürfe richteten sich gegen Männer, die entweder tot waren oder nie angeklagt wurden. Die Spur, die Jahrzehnte später tatsächlich zu einem Strafprozess führte, stammte schließlich nicht aus Zeitungsberichten, sondern aus den Aussagen von Duane Davis selbst (mehr unter Der Prozess gegen Duane Davis und Verdächtige im Überblick).