Zum Inhalt
Design:StandardSiebdruck
Die deutsche Tupac-Shakur-Seite · seit 2002 Leben, Werk, Umfeld und Tod Design:StandardSiebdruck
United·Tupac.Com Seit 2002
Menü

1.004 Wörter · 5 Min.

Tupac und Politik: Quayle, Dole, Polizeigewalt und eigene Pläne

Vom Streit mit Dan Quayle über Bob Dole bis zur eigenen Partei: Was Tupac politisch forderte, wie Washington reagierte und was ins Reich der Mythen gehört.

Im Herbst 1992 stand das Debütalbum eines 21-Jährigen mitten im US-Präsidentschaftswahlkampf. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten forderte öffentlich, die Platte aus dem Handel zu nehmen: So ein Werk habe in der Gesellschaft keinen Platz. Ein Rapper, der kein politisches Amt anstrebte und noch keinen Hit verbuchte, war plötzlich Thema der Nation. Tupacs Verhältnis zur Politik begann nicht mit eigenen Ambitionen, sondern mit der Wucht, mit der Politiker auf ihn reagierten.

Dokumentiert ist hier, was sich historisch belegen lässt. Seine Herkunft aus der Panther-Bewegung wird auf einer eigenen Seite behandelt.

Zehn Millionen Dollar gegen die Polizei von Oakland

Am 17. Oktober 1991 hielten Polizisten in Oakland Tupac an, weil er die Straße bei Rot überquert hatte; die Beamten nahmen ihn in den Würgegriff. Gegenüber Davey D kündigte er eine Klage über zehn Millionen Dollar an und wollte von dem Geld ein „Stop Police Brutality Center“ gründen.

Der Fall endete schließlich mit einem Vergleich von rund 42.000 Dollar (siehe Rechtsfälle). Für Tupac war das Verfahren der Beleg, dass seine Texte über den Alltag keine Erfindung waren.

Dan Quayle fordert den Rückruf von „2Pacalypse Now“

Am 11. April 1992 erschoss der 19-jährige Ronald Ray Howard in Texas den Trooper Bill Davidson. Seine Verteidigung führte vor Gericht an, er habe 2Pacalypse Now gehört. Der Fall entwickelte sich 1993 zum Grundsatzstreit über Rap: Die Seattle Times schrieb damals, in Texas stehe „Rap music on trial along with killer“. Howard wurde im Juni 1993 zum Tode verurteilt und 2005 hingerichtet.

Auf politischer Ebene griff Vizepräsident Dan Quayle den Vorfall auf. Am 22. September 1992 verlangte er, das Album vom Markt zu nehmen. Es wurde weder verboten noch zurückgezogen; die Debatte machte es erst richtig bekannt (siehe Dan Quayle).

Die Familie des Getöteten verklagte Tupac und Time Warner auf Schadenersatz. 1997 wies ein Bundesgericht in Texas die Klage ab: Das Album sei durch die Meinungsfreiheit geschützt.

Wahlkampf und Schüsse in Atlanta: Der Vorwurf als „Cop Killer“

Der Streit lief in einem größeren Rahmen. Schon im Sommer 1992 hatte der Song Cop Killer von Ice-T die Republikaner mobilisiert. Bill Clinton, damals Präsidentschaftskandidat, grenzte sich im Juni 1992 öffentlich von der Aktivistin Sister Souljah ab, die nach den Unruhen von Los Angeles Äußerungen über das Töten von Weißen gemacht hatte. Laut The New Republic gewann Clinton damit gezielt Profil bei weißen Wählern.

Tupac wurde zum nächsten Gesicht dieser Auseinandersetzung. Dass er selbst je zum Mord an Polizisten aufgerufen hätte, ist nicht belegt; auch das Gericht in Texas wies die Klage der Hinterbliebenen ab. Einen realen Anlass für Misstrauen lieferte allerdings ein Zwischenfall in Atlanta: Dort schoss Tupac 1993 auf zwei dienstfreie Polizisten. Die Anklage gegen ihn wurde fallen gelassen.

Bob Dole setzt Time Warner unter Druck

Im Mai 1995 griff der republikanische Senator Bob Dole in Hollywood den Gangsta-Rap an. Gemeinsam mit dem früheren Bildungsminister William Bennett und der Bürgerrechtlerin C. Delores Tucker setzte er Time Warner gezielt unter Druck. Dole sagte laut Los Angeles Times: „shame is a powerful weapon.“ Tupac saß zu dieser Zeit in Haft.

Time Warner hatte schon 1992 den Vertrieb von Ice-Ts Cop Killer eingestellt; der Konzern geriet im Fall Tupac also ein zweites Mal in dieselbe Zwickmühle. Im September 1995 beendete das Unternehmen die Debatte und verkaufte seinen Anteil an Interscope, bei dem Tupac unter Vertrag war.

Eigene Partei und Viertel-Zentren: Tupacs politische Pläne

Tupacs eigene politische Aussagen sind über Interviews verstreut. Im August 1992 sagte er MTV, wer erfolgreich sein wolle, wolle sein „wie Trump, gimme, gimme, gimme“; niemand sei unabhängig geboren, und „even if you earned it, you still owe“. Im Februar 1996 erzählte er Vibe, er wolle in die Politik gehen und würde einem Präsidenten Colin Powell folgen.

Im Spätsommer 1996 sprach er von einer eigenen politischen Partei für alle Benachteiligten und forderte Geld für Gemeinschaftszentren bei jedem Platin-Album. In seinen Gesprächen mit Davey D und mit dem Magazin Right On! schlug er zudem ein Netz junger Männer vor, die Gewalt in den eigenen Vierteln eindämmen sollten (siehe Underground Railroad).

Die Partei kam nie zustande. Aus dem Plan, den er um die Jahreswende 1992/93 im Right On!-Gespräch als „Thug International“ umriss, einem Netz, das „Thugs im ganzen Land“ vereinen sollte –, wurde ebenso wenig eine Organisation wie aus dem Jugendprojekt „A Place Called Home“ in Los Angeles, das er im Sommer 1996 bei VIBE Online nannte. Beide blieben Ankündigungen.

Zwischen Panther-Tradition und dem Vorwurf der Hoffnungslosigkeit

Dean Van Nguyen liest Tupac in Words for My Comrades als politischen Künstler in der Panther-Tradition. Der Publizist John McWhorter hielt in The New Republic dagegen: Tupac lehre „almost nothing but hopelessness“, und seine positiven Stücke seien Alibis. Michael Eric Dyson hatte solche Kritiker bereits vorweggenommen: Wer nur eine „positive“ Sicht gelten lasse, verstehe die Breite der Schwarzen Kultur so wenig wie jene, die nur Zuhälter und Thugs feiern.

Wichtig bleibt eine Grenze: Heutige Zuschreibungen wie „Tupac hat vor Politiker X gewarnt“ lassen sich nicht belegen. Dokumentiert ist nur, was er zu Lebzeiten sagte. Wie er sich zu Entwicklungen nach 1996 stellen würde, bleibt Spekulation.

Warum Parolen an der Armut scheitern

Auffällig ist, wie wenig Tupac von einfachen Slogans hielt. Im Right On!-Interview von 1992 sagte er jungen Lesern: „We don’t need a thousand rappers. We need 500 rappers and 500 brain people, like scientists and mathematicians.“ Von der Anti-Drogen-Parole „Just say no“ hielt er nichts; jeder müsse seine Entscheidungen selbst treffen und aus Fehlern lernen.

Gegenüber Tony Patrick betonte er, Frieden zu predigen funktioniere nicht, solange Armut herrsche; man müsse eine positive Alternative anbieten: „You have to offer us a positive solution.“ Im Gespräch mit Davey D zählte er 1991 die Probleme auf, die ihn antrieben: Polizeigewalt, Armut, Arbeitslosigkeit, schlechte Schulen, Gewalt untereinander, Teenagerschwangerschaften und Crack.

Seine Songs sollten zeigen, wie der Alltag ist und wie er ihn sich wünscht (siehe Davey D, 1991 und Tony Patrick, 1995). Nicht Parteiprogramme machten Tupacs politische Sprengkraft aus, sondern dieser ungeschminkte Blick auf soziale Realitäten, die Washington lieber ausgeblendet hätte.

Weiterlesen: Dan Quayle · C. Delores Tucker · 2Pacalypse Now · Rechtsfälle