Im Frühjahr 1971 stand eine 24-Jährige ohne juristische Ausbildung vor einem New Yorker Gericht, verteidigte sich selbst und war schwanger. Wenige Wochen nach dem Freispruch kam ihr Sohn zur Welt. Afeni Shakur gab Tupac seinen Namen und das politische Bewusstsein, das sich durch seine Songs zieht. Sie war Black Panther, kämpfte später mit der Sucht und verwaltete nach dem Tod ihres Sohnes zwanzig Jahre lang sein Werk.
Aus Lumberton in die Bronx
Afeni Shakur wurde am 10. Januar 1947 als Alice Faye Williams in Lumberton, North Carolina, geboren. Sie hatte eine ältere Schwester, Gloria „Glo“ Jean. Als Kind zog sie mit Mutter und Schwester nach New York in die Bronx.
Die Aufnahmeprüfung für die renommierte High School of Performing Arts in Manhattan bestand sie. Sie verließ die Schule aber bald wieder und rutschte eine Zeit lang in eine Straßengang ab.
Eine Rede in Harlem, eine Anklage in New York
1968 hörte sie in Harlem eine Rede von Bobby Seale und trat der Black Panther Party bei. Im November desselben Jahres heiratete sie den Panther Lumumba Shakur und nahm den Namen Afeni Shakur an. Den Nachnamen trug die Familie von Lumumbas Vater Saladin Shakur, einem Weggefährten von Malcolm X. In der Bewegung übernahmen ihn später auch Menschen, die nicht mit der Familie verwandt waren.
Am 2. April 1969 wurde Afeni mit Lumumba und 19 weiteren Panthern verhaftet. Die Anklage warf den „Panther 21“ vor, Bombenanschläge auf Polizeiwachen und Kaufhäuser geplant zu haben. Die Kaution lag bei 100.000 Dollar pro Person. Afeni kam als eine der Ersten frei, um Geld für die anderen zu sammeln. Als sich Mitangeklagte absetzten, musste sie zurück in Haft.
In dieser Zeit wurde sie schwanger, nicht von ihrem Mann, sondern nach heutigem Stand von dem Panther Billy Garland. Laut der autorisierten Biografie von Staci Robinson war sie sich damals selbst nicht sicher, ob Garland oder ihr kurzzeitiger Partner Kenneth „Legs“ Saunders der Vater war.
Freispruch in allen 156 Punkten
Vor Gericht übernahm Afeni ihre Verteidigung selbst. Im Kreuzverhör brachte sie den verdeckten Ermittler Ralph White zu dem Eingeständnis, er habe sie nie mit Waffe oder Sprengstoff gesehen, wohl aber bei Parteiarbeit in Schulen und Krankenhäusern. Am 13. Mai 1971 sprach die Jury alle Angeklagten in sämtlichen 156 Anklagepunkten frei.
Ein Sohn mit drei Namen
Gut einen Monat später, am 16. Juni 1971, kam ihr Sohn in East Harlem zur Welt. In die Geburtsurkunde ließ sie den Namen Lesane Parish Crooks eintragen; die Reihenfolge der Vornamen wird unterschiedlich angegeben. „Crooks“ stammte von ihrer früheren Zellengenossin Carol Crooks und sollte das Kind davor schützen, als „Panther-Baby“ erkannt zu werden.
Bald darauf nannte sie ihn Tupac Amaru, nach dem peruanischen Aufständischen Túpac Amaru II., den die spanische Kolonialmacht 1781 hinrichtete. Sie wolle, dass er wisse, Teil einer Weltkultur zu sein, „nicht nur einer Nachbarschaft“, sagte sie später.
Die Ehe mit Lumumba war da bereits zerbrochen. 1975 heiratete Afeni Mutulu Shakur; im selben Jahr wurde Tupacs Halbschwester Sekyiwa geboren. Afeni arbeitete als Rechtsgehilfin bei Bronx Legal Services. 1982 trennte sich das Paar.
Die Jahre der Sucht
Anfang der 1980er-Jahre wurde Afeni abhängig von Crack. 1984 zog sie mit beiden Kindern nach Baltimore, 1988 weiter nach Marin City bei San Francisco. Dort eskalierte die Sucht, und Tupac zog als Siebzehnjähriger aus. Nach ihrer Rückkehr nach New York 1991 wurde sie mit Hilfe der Narcotics Anonymous clean. Mutter und Sohn versöhnten sich.
Tupac verarbeitete diese Jahre in Dear Mama (1995). Der Song verschweigt die Sucht nicht und ist trotzdem eine Liebeserklärung: Auch in ihren schwersten Jahren nennt er sie darin eine Königin.
Afeni sagte, sie könne das Lied nicht hören, ohne zu weinen.
Zwanzig Jahre für das Werk des Sohnes
Tupac starb am 13. September 1996 in Las Vegas. Afeni wurde Mitverwalterin seines Nachlasses und führte zahlreiche Prozesse: gegen Death Row Records um die Mastertapes und gegen den leiblichen Vater Billy Garland, der die Hälfte des Erbes forderte und im Dezember 1997 scheiterte.
1997 gründete sie das Label Amaru Entertainment. Noch im selben Jahr erschien dort R U Still Down? (Remember Me), das erste von vielen posthumen Alben. Im September 1997 folgte die Tupac Amaru Shakur Foundation, die junge Menschen künstlerisch fördert; ihr Kunstzentrum in Stone Mountain, Georgia, musste Afeni später verkaufen.
2003 sagte sie dem Magazin XXL, sie glaube, der Mörder ihres Sohnes sei selbst nicht mehr am Leben; Strafe sei ohnehin Gottes Sache. 2004 erschien ihre Lebensgeschichte Afeni Shakur: Evolution of a Revolutionary, aufgeschrieben von Tupacs Freundin Jasmine Guy. Im selben Jahr heiratete sie Gust Davis Jr.; im März 2016 reichte sie die Scheidung ein.
Ihr Tod und die Dokuserie
Am Abend des 2. Mai 2016 erlitt Afeni Shakur in ihrem Haus in Sausalito, Marin County, einen Herzstillstand. Weniger als eine Stunde später starb sie im Krankenhaus, 69 Jahre alt. Die Rechte an Tupacs Musik hatte sie zuvor in einen Trust eingebracht, den der Musikmanager Tom Whalley verwaltet.
2023 erzählte Allen Hughes in der Dokuserie Dear Mama die Geschichte von Mutter und Sohn als Doppelbiografie. Die Serie behandelt Afeni als historische Figur mit eigener politischer Geschichte.