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Weitere Personen1996 bis 2026

Orlando „Baby Lane“ Anderson

Der Mann aus der MGM-Lobby: Er galt Jahrzehnte als Tupacs Schütze, wurde aber nie angeklagt. Orlando Anderson starb 1998 bei einer Schießerei in Compton.

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Zur Einordnung: Orlando Anderson wurde im Fall Tupac Shakur nie angeklagt. Er bestritt jede Beteiligung bis zu seinem Tod 1998 und kann sich zu späteren Vorwürfen nicht mehr äußern. Verurteilt wurde 2026 sein Onkel Duane „Keffe D“ Davis; das Urteil ist nicht rechtskräftig (Stand Oktober 2026).

Wenige Stunden vor den Schüssen in Las Vegas wurde Orlando Anderson in der Lobby des MGM Grand zusammengeschlagen, von Tupac, Suge Knight und deren Begleitern. Bald galt Anderson als der Mann, der zwei Stunden später auf den Rapper schoss. Bewiesen wurde das nie. Anderson starb mit 23 Jahren, bevor ein Gericht über ihn urteilen konnte. Der einzige Prozess in diesem Mordfall richtete sich fast 30 Jahre später gegen einen anderen.

Angehender Drehbuchautor aus Compton

Anderson war 1996 22 Jahre alt. Er lebte in Compton und zog nach eigenen Angaben später ins südöstlich gelegene Lakewood. Die Polizei stufte ihn als Mitglied der Southside Compton Crips ein. Anderson selbst bestritt, überhaupt ein Crip zu sein, und nannte sich einen angehenden Drehbuchautor. Sein Spitzname lautete „Baby Lane“. Sein Onkel Duane „Keffe D“ Davis galt den Ermittlern als ein Anführer der Crips.

Schläge in der Lobby des MGM Grand

Nach der Rekonstruktion der Ermittler gehörte Anderson zu einer Gruppe, die einige Wochen vor dem 7. September 1996 in einem Einkaufszentrum in Lakewood versucht hatte, einem Begleiter von Death Row eine Kette abzunehmen. Am Abend des Tyson-Kampfes wurde er im MGM Grand wiedererkannt. Tupac, Knight und weitere Männer schlugen und traten auf ihn ein (Details unter Die Schlägerei im MGM Grand).

Ein Polizist, der Anderson nach dem Vorfall versorgte, sagte 2026 vor Gericht aus: „Wir hielten ihn für ein Opfer.“ Anderson erstattete keine Anzeige. Für Suge Knight lieferte das Überwachungsvideo der Prügelei dennoch den Beweis für einen Bewährungsverstoß. Das Gericht verurteilte den Labelchef 1997 zu neun Jahren Haft. Anderson sagte in diesem Verfahren laut dem Rolling Stone zu Knights Gunsten aus.

Verdächtigt, aber nie angeklagt

Schon wenige Tage nach dem Mord nannten Informanten der Polizei von Compton Anderson als Schützen. Am 2. Oktober 1996 nahm ihn die Polizei bei einer Razzia gegen ein Dutzend Gangmitglieder fest, ließ ihn aber ohne Anklage wieder frei. Eine eidesstattliche Erklärung der Compton-Polizei behauptete, Anderson sei nach der Tat mit einer Glock-Pistole vom Kaliber .40 gesehen worden, dem Waffentyp der Tat. Die Polizei in Las Vegas betonte jedoch, es gebe keinen direkten Beweis gegen ihn.

Anderson wehrte sich öffentlich. „I didn’t do it“, sagte er im März 1997 gegenüber CNN. Er fühle sich als Sündenbock. Sein Anwalt Edi M. O. Faal klagte, Anderson lebe fast wie ein Gefangener (MTV-Meldung). Im September 1997 erklärte Anderson in der Los Angeles Times, Tupac sei für ihn „wie ein Held“ gewesen; er habe jede seiner Platten gekauft. Die eidesstattliche Erklärung aus Compton wies er als „Fiktion“ zurück. Er wünsche sich die Festnahme des wahren Täters, damit sein Name reingewaschen werde (Meldung von 1997).

Zwei Zivilklagen und ein Vergleich

Am 8. September 1997 verklagte Anderson Tupacs Nachlass, Knight und Leute von Death Row auf rund eine Million Dollar Schadenersatz für die Schläge im MGM Grand. Vier Tage später reichte Afeni Shakur eine Klage wegen unrechtmäßigen Todes gegen ihn ein (MTV-Meldung). Im Februar 1998 befragten die Anwälte der Familie Anderson sechs Stunden lang unter Eid.

Ein Urteil fiel in keinem der beiden Verfahren. Nach Andersons Tod erklärten seine Erben, sein Anwalt habe nur Stunden zuvor die Zusage für einen Vergleich über 78.000 Dollar erhalten. Weil kein Geld floss, klagten sie auf Erfüllung. Im Juli 2000 legten beide Seiten den Streit bei. Den Betrag nannten die Anwälte nicht.

Tödliche Schüsse in Compton

Am Nachmittag des 29. Mai 1998 hielt Anderson mit einem Bekannten an einer Autowaschanlage am Alondra Boulevard in Compton, unweit der Compton High School. Dort standen mehrere Mitglieder einer verfeindeten Gang. Laut der Polizei eskalierte ein alter Streit um Geld, beide Seiten feuerten. Drei Männer starben, darunter der 23-jährige Anderson. Ein vierter Mann wurde verletzt und unter Mordverdacht festgenommen. Einen Zusammenhang mit dem Fall Tupac nannte die Polizei nicht.

Schütze oder nicht?

Nach seinem Tod rückte Andersons Name noch stärker in den Fokus. Die Los Angeles Times nannte ihn 2002 in einer ausführlichen Recherche als Schützen (siehe Der LA-Times-Skandal um Chuck Philips). Am stärksten prägten das Bild jedoch die Aussagen seines Onkels, und die widersprechen sich:

  • 1998 sagte Davis dem FBI, sein Neffe sei nicht beteiligt gewesen.
  • 2008 erzählte er Ermittlern um Greg Kading, Anderson habe die Waffe genommen und geschossen, weil DeAndre „Big Dre“ Smith gezögert habe.
  • 2019 sagte er in einem YouTube-Interview, Orlando habe das Fenster heruntergekurbelt und gefeuert.
  • 2023 sagte ein anderer Zeuge vor der Grand Jury, Smith habe ihm erzählt, er selbst habe geschossen, weil Anderson kein freies Schussfeld gehabt habe.
  • Nach dem Urteil 2026 erklärte Davis, er und seine Leute hätten mit der Tat nichts zu tun gehabt.

Im Prozess 2026 musste die Frage nicht beantwortet werden: Davis wurde als Organisator verurteilt, nicht als Schütze. Ob Anderson abdrückte, ist damit gerichtlich nicht festgestellt, und es wird sich kaum noch klären lassen. Auch Smith, der 2004 starb, und der mutmaßliche Fahrer Terrence Brown, 2015 erschossen, leben nicht mehr. Die Einordnung aller Verdächtigen steht unter Verdächtige im Überblick, der Prozess unter Der Prozess gegen Duane Davis.

Orlando Andersons Geschichte wirkt über die Akten hinaus. 2019 schilderte der Rapper Glasses Malone die Tatnacht in einem Song aus Andersons Perspektive (Meldung).