1995-04601 Wörter · 3 Min.
„Ready to Live“: Tupac auf Rikers Island in Vibe (April 1995)
Januar 1995, Rikers Island: Kevin Powell spricht mit Tupac über Entzug, die Schüsse im Quad-Studio, den Prozess und ein neues Leben ohne „Thug Life“.
Original: „Ready to Live“ · Vibe, Ausgabe April 1995 (Titelgeschichte) · Kevin Powell · Gespräch Anfang Januar 1995 auf Rikers Island, New York
Wann und wo
Oft wird dieses Gespräch als Vibe vom Mai 1995 geführt. Erschienen ist es im Aprilheft 1995 als Titelgeschichte unter der Überschrift „Ready to Live“. Geführt hat es Kevin Powell, der Tupac schon im Februar 1994 für Vibe porträtiert hatte. Laut Powell wollte Tupac seine Geschichte nur ihm erzählen. Die beiden trafen sich an einem frühen Januarmorgen 1995 in einem Besprechungsraum auf Rikers Island, der großen Gefängnisinsel von New York City.
Die Lage im Winter 1994/95
Tupac war 23 Jahre alt und lag am Boden. Am 30. November 1994 hatten ihn Unbekannte in der Lobby der Quad Recording Studios am Times Square überfallen und fünfmal angeschossen. Einen Tag später sprachen ihn die Geschworenen im laufenden Prozess in zwei Punkten des sexuellen Missbrauchs schuldig, von weiteren Vorwürfen frei. Die Kaution von drei Millionen Dollar konnte er nicht aufbringen. Seit Januar saß er auf Rikers, das Strafmaß stand noch aus: Es folgte am 7. Februar 1995. Sein Album Me Against the World war fertig, aber noch nicht erschienen.
Worüber gesprochen wurde
Tupac beginnt mit dem Entzug. Die ersten Tage ohne Marihuana beschreibt er als Kampf mit sich selbst. Danach habe er täglich Liegestütze gemacht, ganze Bücher an einem Tag gelesen und geschrieben. Für die Tat, für die er verurteilt wurde, sieht er sich als unschuldig, für sein Leben davor nicht. Den Satz, im Gefängnis werde sein Geist sterben, nimmt er zurück:
„The addict in Tupac is dead. The excuse maker in Tupac is dead.“ Tupac Shakur, Vibe, April 1995
Den größten Raum nimmt der Überfall im Quad-Studio ein. Tupac schildert ausführlich, wie er für einen bezahlten Gastbeitrag ins Studio gelockt worden sei, wie zwei bewaffnete Männer gezielt ihn angriffen und wie er oben im Studio auf Andre Harrell, Sean „Puffy“ Combs, Biggie und viele andere traf. Dass ihn dort kaum jemand ansah, deutet er als verdächtig. Täter nennt er nicht. Eine Beteiligung von Combs oder Biggie ist nie belegt worden (mehr dazu unter Shooting 1994). Weiter erzählt er vom Krankenhaus Bellevue, von Drohanrufen, von seiner Flucht aus der Klinik und vom Auftritt im Rollstuhl vor Gericht.
Zum Prozess gibt Tupac seine Version des Abends im Hotel wieder. Er räumt ein, sich geschämt zu haben, weil er nicht eingegriffen habe. Es bleibt seine Darstellung, die Geschworenen hatten anders entschieden. Nach der Anklage habe er Wut auf schwarze Frauen empfunden, im Gefängnis aber erlebt, wie ihm gerade Aufseherinnen mit Respekt begegneten.
Pläne und Bekenntnisse
Me Against the World nennt er sein bestes Album, „Thug Life“ erklärt er für tot. Nach der Haft wolle er mit Mike Tyson und Sanyika Shakur eine Organisation namens „Us First“ für junge Leute gründen. Er dankt Unterstützern wie Jada Pinkett, Jasmine Guy, Treach, Mickey Rourke und Madonna und entschuldigt sich bei Quincy Jones und den Hughes Brothers. John Singleton schließt er ausdrücklich aus. Er vergleicht sich mit Marvin Gaye und Vincent van Gogh, deren Werk erst nach dem Tod geschätzt wurde:
„I’m in jail now, but I’m free. My mind is free.“ Tupac Shakur, Vibe, April 1995
Bedeutung
„Ready to Live“ wurde laut Kevin Powell eine der meistverkauften Ausgaben von Vibe. Das Interview ist das wichtigste Selbstzeugnis aus Tupacs Haftzeit. Mit seinen Andeutungen über die Nacht im Quad-Studio verschärfte es die Spannungen mit Bad Boy, aus denen 1996 die offene Fehde wurde. Den Abschied von „Thug Life“ nahm Tupac später zurück. Im letzten großen Vibe-Gespräch vom Spätsommer 1996 kommt er ausdrücklich darauf zurück (Last Testament).
Personen in diesem Text
Afeni Shakur: Panther, Mutter, NachlassverwalterinMike TysonMadonnaJada PinkettTreach