Interscope Records steht an beiden Enden von Tupacs Karriere. Das Label entdeckte ihn 1991, und es vertrieb 1996 das Label, bei dem er starb. Wie der Vertrag aus dem Gefängnis zustande kam, erklärt die Seite Death Row Records. Hier geht es um Interscope selbst: um die Jahre, in denen Politik, Konzerninteressen und Gangsta-Rap aufeinanderprallten.
Tom Whalley hört das Demo: Tupacs Vertrag bei Interscope
Jimmy Iovine und Ted Field gründeten Interscope Ende 1990 als Gemeinschaftsunternehmen mit Atlantic Records, einer Firma der Warner Music Group, mit einem Startkapital von 20 Millionen Dollar (Wikipedia). Im August 1991 hörte der Manager Tom Whalley Tupacs Demo und nahm ihn unter Vertrag. 2Pacalypse Now erschien im November 1991.
Es folgten Strictly 4 My N.I.G.G.A.Z… (1993) und Me Against the World (März 1995), das in der Haft auf Platz 1 der US-Charts stand. Auch das Gruppenalbum Thug Life, Volume I kam 1994 heraus; Songs, die Interscope für zu heikel hielt, blieben damals liegen (Thug Life).
Millionen mit Death Row und mitten in der Schusslinie
1992 vereinbarte Interscope, Death Row zu finanzieren und zu vertreiben. Daraus entstand Dr. Dres The Chronic (Dezember 1992). Über Jahre verdiente Interscope Millionen mit dem Label von Dr. Dre und Suge Knight, doch die Beziehung brachte die Firma zugleich in die Schusslinie.
Von Dan Quayle bis Bob Dole: Time Warner steigt aus
Der erste Vorwurf kam schon 1992. Nachdem in Texas ein Polizist erschossen worden war und der Täter sagte, er habe 2Pacalypse Now gehört, forderte Vizepräsident Dan Quayle im September 1992, das Album vom Markt zu nehmen. Die Familie des Polizisten verklagte Tupac und Time Warner. Ein Bundesgericht in Texas wies die Klage im März 1997 ab, da das Album trotz allem durch die Meinungsfreiheit geschützt sei (Rechtsfälle).
Im Mai 1995 griff der republikanische Senator Bob Dole Interscope an: Die Firma verbreite Musik, die Gewalt verherrliche und Frauen herabwürdige (Wikipedia). Die Bürgerrechtlerin C. DeLores Tucker, Vorsitzende des National Political Congress of Black Women, kritisierte denselben Konzern. Time Warner, der über Atlantic zur Hälfte an Interscope beteiligt war, geriet unter öffentlichen Druck.
Am 10. August 1995 meldete die New York Times, der Konzern wolle sich von seinem Anteil trennen. Im September 1995 verkaufte Time Warner seine 50 Prozent für 115 Millionen Dollar an Field und Iovine zurück (Wikipedia). Iovine blickte im Los Angeles Times-Interview vom 29. September 1995 auf die Trennung zurück.
Kaution im Oktober 1995: 1,4 Millionen Dollar und widersprüchliche Quellen
Mitten in diese Wochen fiel Tupacs Entlassung. Am 12. Oktober 1995 kam er gegen eine Kaution von 1,4 Millionen Dollar frei, die Death Row gestellt hatte; das Geld kam nach späteren Darstellungen von Interscope (Haftzeit 1995). Billboard schrieb, Atlantic und Interscope hätten die Summe aufgebracht.
Die Quellen widersprechen sich also in der Frage, wer genau zahlte. Sicher ist: Interscope blieb Vertriebspartner von Death Row, auch als Tupac unterschrieb, und profitierte von All Eyez on Me (Februar 1996).
Einstieg von MCA und das Ende mit Death Row 1997
Im Februar 1996 kaufte MCA Records, damals im Besitz von Seagram, die Hälfte von Interscope, nach Medienberichten für rund 200 Millionen Dollar (Wikipedia). MCA wurde später zur Universal Music Group, die Interscope heute besitzt.
Der Vertriebsvertrag mit Death Row lief bis 1997. Dr. Dre hatte das Label im März 1996 verlassen (Dr. Dre). Als Makaveli: The 7 Day Theory im November 1996 erschien, trug es noch den Vermerk Death Row und Interscope (Album).
Rechte für Afeni Shakur und der Entdecker als Treuhänder
Mit dem Vergleich von 1997 zwischen dem Nachlass, Death Row und Interscope erhielt Afeni Shakur die Rechte an den unveröffentlichten Aufnahmen (Amaru Entertainment). Interscope vertreibt seither einen großen Teil des Katalogs. Der Mann, der Tupac einst unter Vertrag nahm, Tom Whalley, verwaltet heute als Treuhänder den Nachlass (Nachlass und Tantiemen).
Interscope hatte also ein doppeltes Interesse an Tupac: als Künstler, den das Label entdeckt hatte, und als Teil eines Systems, das an Death Row verdiente. Wie weit diese beiden Rollen im Einzelfall kollidierten, lässt sich aus den öffentlichen Quellen nicht klären; das ist die Grenze dessen, was belegt ist.