Am Set von Poetic Justice in Los Angeles lief 1993 immer wieder derselbe Song, so erinnerte sich Biggie später: Party and Bullshit, seine eigene erste Single. Tupac spielte sie wieder und wieder. Christopher George Latore Wallace, als The Notorious B.I.G. oder Biggie Smalls bekannt, wurde für Tupac erst Schützling und Freund, dann der Gegner in der bekanntesten Fehde der Rapgeschichte. Beide wurden binnen sechs Monaten erschossen.
Den Verlauf des Streits erzählt die Seite Ost gegen West. Hier geht es um Biggie selbst und um seinen ungeklärten Tod.
Ein Demoband öffnet die Tür zu Bad Boy
Wallace wurde am 21. Mai 1972 in New York geboren und wuchs in Brooklyn bei seiner Mutter Voletta auf, die aus Jamaika stammte. Über den DJ Mister Cee gelangte sein Demoband an die Zeitschrift The Source. Die stellte ihn im März 1992 in der Rubrik „Unsigned Hype“ vor, die Talente ohne Plattenvertrag präsentierte. Daraufhin holte ihn Sean „Puffy“ Combs zu Uptown Records.
Als Uptown Combs 1993 entließ, ging Wallace mit zu dessen neuem Label Bad Boy. Sein Debüt Ready to Die erschien 1994 und erreichte laut RIAA bis 2018 mehr als sechs Millionen Einheiten, also verkaufte Alben samt umgerechneter Streams. Im August 1994 heiratete er die Sängerin Faith Evans.
Freunde, die sich sofort verstanden (1993 bis 1994)
Kennengelernt hatten sich die beiden nach Biggies eigener Erinnerung eben bei jenen Dreharbeiten. „We just clicked off the top“, sagte Biggie 1996 über diese Zeit. Beim Budweiser Superfest im Madison Square Garden 1993 rappten beide während des Auftritts von Big Daddy Kane hintereinander frei.
Laut dem Autor Ben Westhoff bat Biggie Tupac sogar, sein Manager zu werden. Tupac lehnte ab und riet ihm, bei Combs zu bleiben: „Stay with Puff … He will make you a star.“
Nach dem Quad kam das Misstrauen
In der Nacht zum 30. November 1994 wurde Tupac in der Lobby der Quad Studios überfallen und angeschossen, während Biggie im selben Haus aufnahm (siehe Shooting 1994). Danach verdächtigte Tupac das Bad-Boy-Lager. Biggie hat das stets bestritten. Er könne nicht glauben, dass Tupac ihm so etwas zutraue, sagte er im September 1996 in Vibe. Er halte ihn noch immer für einen Freund.
Who Shot Ya? erschien Anfang 1995, und Tupac verstand den Song als Hohn auf den Überfall. Biggie zufolge hatte er ihn lange vorher geschrieben, als Intro für einen Song von Mary J. Blige mit Keith Murray, doch Combs fand ihn zu hart. Ein Beleg, dass Biggie oder Combs vom Überfall wussten, wurde nie vorgelegt.
Eine gezogene Waffe nach den Soul Train Awards
Zum ersten Mal seit dem Quad standen sich beide im März 1996 gegenüber, nach den Soul Train Music Awards in Los Angeles. Biggie schilderte in Vibe, Tupac sei mit seinen Leuten und Suge Knight aufgetaucht. Sein Freund Little Caesar von Junior M.A.F.I.A. habe zurückgebrüllt, dann habe jemand eine Waffe gezogen. Dass Tupac selbst die Pistole auf ihn gerichtet habe, wies er zurück: „Nah, Pac didn’t pull steel on me.“
Jahrzehnte später kam ein weiteres Detail ans Licht. Reggie Wright Jr., damals Sicherheitschef von Death Row, sagte 2023 vor der Grand Jury im Fall Davis aus, dem Geschworenengremium, das über eine Anklage entscheidet. Zu Biggies Begleitschutz hätten an jenem Abend Mitglieder der Southside Compton Crips gehört, darunter Duane Davis. Geschossen worden sei nicht.
Biggie schoss nicht zurück
Im Juni 1996 folgte Hit ‘Em Up. Biggie antwortete nicht mit einem eigenen Diss. Wie stünde er da, fragte er in Vibe, wenn er zurückschösse? Tupacs Behauptung über Faith Evans glaube er nicht. Wer wirklich mit einer Frau geschlafen habe, stelle sie nicht so bloß. Evans hat eine Affäre stets bestritten.
Tränen am Telefon
Die Nachricht von Tupacs Tod am 13. September 1996 erreichte Biggie in einem New Yorker Studio. Faith Evans erinnerte sich, er habe sie in jener Nacht weinend angerufen: „Something ain’t right, Faye.“ Zur Trauerfeier wollte er nicht gehen. Kurz darauf brach er sich bei einem Autounfall das Bein.
Im März 1997 reiste er nach Los Angeles, um sein zweites Album zu bewerben. Vier Tage vor seinem Tod nahm er beim Radiosender KYLD aus San Francisco Stellung zu dem Vorwurf, er habe mit dem Überfall von 1994 zu tun: „It’s false. Why would I do that?“ Den Streit zwischen Ost und West wolle er beenden.
Eine rote Ampel am Wilshire Boulevard
In der Nacht zum 9. März 1997 verließ Biggie eine Party nach den Soul Train Music Awards im Petersen Automotive Museum am Wilshire Boulevard. Er saß auf dem Beifahrersitz eines Chevrolet Suburban. An einer roten Ampel hielt ein dunkler Chevrolet Impala neben dem Wagen, und der Schütze feuerte. Im Cedars-Sinai Medical Center wurde Biggie kurz nach 1 Uhr für tot erklärt. Er war 24.
Zwei Wochen später erschien Life After Death, das laut RIAA mehr als elf Millionen Einheiten erreichte. Angeklagt wurde nie jemand. Auf der Party waren mehr als tausend Gäste gewesen, doch die Polizei fand kaum Zeugen.
Drei Thesen, keine bewiesen
2002 behauptete die Los Angeles Times, Biggie habe den Crips Geld für den Mord an Tupac geboten. Seine Familie wies das zurück, bewiesen wurde es nie (siehe Der LA-Times-Skandal).
Im selben Jahr verklagte die Familie Wallace die Stadt Los Angeles. Der Vorwurf: Polizisten, darunter einer mit Verbindungen zu Death Row, seien beteiligt gewesen, und die Behörde habe das gedeckt. Die Stadt bestritt das. Der Prozess platzte 2005, weil die Polizei Unterlagen zurückgehalten hatte; die Stadt musste 1,1 Millionen Dollar Sanktionen zahlen. Im April 2010 wurde die Klage im Einvernehmen ohne Urteil eingestellt, sie kann neu erhoben werden. Bewiesen wurde der Vorwurf gegen die Beamten nie.
Der frühere LAPD-Ermittler Greg Kading vertrat 2011 in Murder Rap eine andere These. Gestützt auf die Aussage einer Informantin nannte er Wardell „Poochie“ Fouse als Schützen, bezahlt von Suge Knight. Fouse gehörte zu den Bloods, den Rivalen der Crips. Er wurde 2003 erschossen, Knight im Fall Wallace nie angeklagt. Eine Stellungnahme Knights dazu enthalten die damaligen Berichte nicht. Die These ist unbewiesen.
Biggies Fall führte nach Las Vegas
Es waren die Ermittlungen zu Biggies Tod, die den Fall Tupac voranbrachten. Eine 2006 gegründete Sondereinheit von LAPD und Bundesbehörden nahm 2008 Duane „Keffe D“ Davis ins Visier, unter anderem weil er einen Impala fuhr. Davis gab an, auf der Party im Petersen-Museum gewesen zu sein, bestritt aber jede Rolle an Biggies Tod. „We did the other one“, sagte er laut dem früheren Detective Daryn Dupree. Gemeint war Tupac.
Duane „Keffe D“ Davis wurde am 31. August 2026 in Las Vegas des Mordes ersten Grades unter Einsatz einer tödlichen Waffe schuldig gesprochen. Das Strafmaß ist für den 13. Oktober 2026 angesetzt. Davis bestreitet die Tat und hat Berufung angekündigt; das Urteil ist nicht rechtskräftig. Mehr unter Der Prozess gegen Duane Davis. Biggies eigener Fall blieb ungelöst.
Zwei Stimmen auf einer Platte
Seine Mutter Voletta Wallace verwaltete sein Erbe bis zu ihrem Tod im Februar 2025. 2020 wurde Biggie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Im April 1997, einen Monat nach seinem Tod, kam die Single Stop the Gunfight in die Charts (Meldung). Auf ihr rappten Tupac und Biggie noch einmal auf derselben Platte, beide mit eigenen Strophen, in einem Song gegen die Gewalt.