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Das Tupac-Hologramm: Coachella 2012
Sechzehn Jahre nach seinem Tod rappte Tupac bei Coachella als digitale Illusion: Wie der Auftritt entstand, was er kostete und welche Debatte er auslöste.
Am Sonntag, dem 15. April 2012, stand Tupac knapp sechzehn Jahre nach seinem Tod wieder auf einer Konzertbühne. Mitten im Headliner-Set von Dr. Dre und Snoop Dogg auf der Hauptbühne des Coachella-Festivals in Indio, Kalifornien, erschien eine oberkörperfreie Figur. Sie begrüßte das Publikum, rappte Hail Mary und im Duett mit Snoop 2 of Amerikaz Most Wanted. Der Auftritt dauerte nur wenige Minuten, prägte aber die Debatte über die technische Wiederauferstehung von Künstlern nachhaltig. Die Meldungen des Tages stehen in den News von 2012.
Kein Hologramm, sondern ein Theatertrick aus dem 19. Jahrhundert
Das Wort „Hologramm“ setzte sich fest, obwohl es technisch nicht zutrifft. Billboard und Rolling Stone stellten schon am Tag danach klar, dass es sich um eine Spiegelillusion handelte. NPR beschrieb den Aufbau so: Ein Projektor über der Bühne wirft ein Bild auf eine schräg gestellte Glasfläche am Boden, die es auf eine durchsichtige Mylar-Folie reflektiert. Für das Publikum steht die Figur scheinbar frei im Raum, während andere Künstler davor und dahinter vorbeigehen können. Das Prinzip heißt „Pepper’s Ghost“ und stammt aus dem Theater des 19. Jahrhunderts.
Umgesetzt wurde die Illusion von AV Concepts aus San Diego mit Projektionssystemen der britischen Firma Musion. Nach Berichten besitzt Musion das Patent auf Mylar-Schirme für solche Illusionen und lizenziert es an etwa 30 Firmen, darunter AV Concepts. Nick Smith, Präsident von AV Concepts, sagte MTV News, die Idee stamme von Dr. Dre.
Am Computer neu gebaut, nicht aus dem Archiv
Das Bild selbst schuf das Effektstudio Digital Domain, einst von James Cameron mitgegründet und für Filme wie X-Men: First Class bekannt. Kreativchef Ed Ulbrich betonte gegenüber dem Wall Street Journal, es handle sich weder um Archivmaterial noch um ein Fundstück: „This is an illusion.“ Tupac wurde am Rechner aus Referenzmaterial neu gebaut, vor allem aus Aufnahmen seines Konzerts im House of Blues am 4. Juli 1996 (laut Andscape). Die Supervisoren Janelle Croshaw und Steve Preeg führten nach Angaben des Fachportals Animation World Network das Team an; Andscape nennt rund 20 Beteiligte.
Zur Arbeitsdauer gibt es zwei verschiedene Angaben. Laut Wall Street Journal sprach Dre das Studio rund ein Jahr vorher an, gearbeitet wurde etwa vier Monate. Nach Andscape ging der Auftrag Mitte Februar 2012 ein, die eigentliche Produktion dauerte sechs Wochen. Beide Darstellungen lassen sich vereinbaren, wenn man Vorgespräche und eigentliche Produktion trennt; eine offizielle Chronik gibt es nicht.
Auch die Kosten blieben offen. Smith nannte für einen vergleichbaren Effekt 100.000 bis 400.000 Dollar. Rolling Stone titelte, die Projektion habe „mindestens 100.000 Dollar“ gekostet. Einen belegten Gesamtbetrag für Coachella gibt es nicht.
Afenis Zustimmung, geteiltes Echo und ein Sprung in den Charts
Afeni Shakur hatte dem Auftritt nach einem TMZ-Bericht zugestimmt und ihn zu Hause per Livestream verfolgt; diese Angabe stammt allerdings aus zweiter Hand (siehe die Meldung). Die Reaktionen schwankten zwischen Begeisterung und Unbehagen. Rolling Stone fand den Moment technisch beeindruckend, aber auch seltsam; Nas nannte die Idee gegenüber Billboard genial. Mehr dazu steht in der Debatte.
Der Effekt zeigte sich prompt in den Verkaufszahlen. Laut Billboard und Nielsen SoundScan kehrte Greatest Hits eine Woche später erstmals seit 2000 in die Billboard 200 zurück: Platz 129 mit rund 4.000 verkauften Exemplaren bedeutete ein Plus von 571 Prozent. Bei den Downloads führte Hail Mary mit 13.000 Stück. Absolut betrachtet waren das kleine Mengen, relativ gesehen deutliche Sprünge. Die Zahlen im Einzelnen stehen in der Meldung vom 26. April 2012.
„Strictly for Coachella“: Dre stoppt die Tourgerüchte
Schon am 17. April berichtete das Wall Street Journal über eine mögliche gemeinsame Tournee von Dre und Snoop mit der Projektion. Digital-Domain-Kreativchef Ulbrich sagte dem Blatt, das sei erst der Anfang. Am zweiten Coachella-Wochenende, dem 22. April, wurde die Figur noch einmal gezeigt. Dann beendete Dre die Gerüchte in einem Video: Der Auftritt sei „strictly for Coachella“ gewesen (Billboard, 23.04.2012). Eine Tournee kam nicht zustande. Siehe dazu die Meldung und die Tourgerüchte.
Ein Preis in Cannes, dann der Gang in die Insolvenz
Am 23. Juni 2012 erhielt Digital Domain für „Virtual 2Pac“ im Auftrag von Dre einen Titanium Lion beim Werbefestival Cannes Lions. Geehrt wurde die Idee der virtuellen Aufführung, nicht ein Tupac-Werk. Die Firma bezifferte den Effekt auf 15 Millionen YouTube-Aufrufe und 500 Prozent mehr Albumverkäufe; das sind Firmenangaben, die von den Billboard-Zahlen abweichen (siehe Meldung).
Gerettet hat der Ruhm das Studio nicht. Am 12. September 2012 beantragte die Digital Domain Media Group Gläubigerschutz nach Chapter 11. Laut AP wollte die Investmentfirma Searchlight Capital Partners das Kerngeschäft für 15 Millionen Dollar übernehmen; die Aktie, nach Coachella kurz bei 9,20 Dollar, stand zuletzt bei 55 Cent (Meldung).
Nachahmer auf der Bühne, Grundsatzfragen im KI-Zeitalter
Das Prinzip fand rasch Nachahmer. Im Mai 2014 trat bei den Billboard Music Awards ein digitaler Michael Jackson auf; die beteiligten Firmen stritten danach vor Gericht (The Hollywood Reporter). Für Tupac blieb Coachella ein Einzelfall, an den auch deutsche Titel wie 2Pac Hologramm erinnern (Tupac und Deutschland).
Die Frage, wer über Stimme und Bild Verstorbener entscheidet, wurde mit der KI zehn Jahre später noch schärfer. Sie behandelt die Seite Rechte an Tupacs Stimme. Weitere Orte der Erinnerung versammeln die Artikel Denkmäler und Statue Herford.
Personen in diesem Text
Dr. DreSnoop DoggAfeni Shakur: Panther, Mutter, Nachlassverwalterin