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714 Wörter · 3 Min.

Tupac in Herford: Paolo Chiaseras „tupacproject“ am MARTa

Ein nackter Rapper auf einer Säule vor Frank Gehrys Museum: Paolo Chiaseras Betonmonument in Herford, seine Idee und seine Geschichte seit 2005.

Wer in Herford auf das Museum MARTa zugeht, blickt unweigerlich nach oben: Auf einer Säule steht ein junger Mann mit nacktem Oberkörper, die Arme hinter dem Rücken, den Blick gesenkt. Es ist Tupac Shakur. Dass die Figur ausgerechnet in einer ostwestfälischen Möbelstadt steht, gehört zum Kunstwerk. Die Kurzfassung liefert die Seite Tupac und Deutschland, hier geht es um Idee, Hintergrund und Entstehungsgeschichte.

Das Kunstwerk trägt eine Webadresse als Titel

Der offizielle Titel des Werks lautet wie ein Internetlink: www.tupacproject.it. Geschaffen hat es der italienische Künstler Paolo Chiasera, geboren 1978 in Bologna. Er studierte dort von 1997 bis 2002 und besuchte außerdem die Kunsthochschule Weißensee in Berlin; heute lebt er in Berlin (NRW-Skulptur). Die Dokumentationsplattform datiert das Werk auf das Jahr 2002 und führt es als Betonskulptur, rund 650 mal 120 Zentimeter groß.

Die Statue war ursprünglich das Zentrum einer Internetseite, wie der Vertrieb des zugehörigen Buchs beschreibt. Sie sollte ein Netzwerk anstoßen, das nach einem Denkmal für die eigene Zeit fragt, einer Skulptur, die Dialog stiftet, indem Texte auf dem Sockel online fortgeschrieben werden. Der Künstler wollte damit eine alternative Weltkarte entwerfen, ausgehend von Strömungen der sogenannten „Underground-Kultur“. Das Buch erschien bei Motto Books gemeinsam mit der Limehouse Arts Foundation, mit Beiträgen von Lorenzo Benedetti, Hans Ulrich Obrist und Pier Luigi Tazzi.

Ein Rapper auf dem Sockel für Feldherren

NRW-Skulptur begreift die Arbeit als Untersuchung des Denkmals im öffentlichen Raum. Chiasera stelle die Frage nach Auswahl, Bedeutung und Funktion solcher Vorbilder für historische wie gegenwärtige (Jugend-)Kulturen und hinterfrage den gesellschaftlichen Konsens, der Denkmäler überhaupt erst möglich macht. Die Skulptur rührt damit an den Grundsatz, wer überhaupt auf einen Sockel gehoben wird.

Tupac liefert dafür das Anschauungsobjekt: Er war verurteilt und verehrt zugleich, Sohn einer Black-Panther-Aktivistin (Afeni Shakur) und Star eines Genres, dem Politik und Feuilleton misstrauten. Als Idol einer Jugendsubkultur besetzt er ein Denkmal-Format, das sonst Feldherren und Staatsmännern vorbehalten blieb.

Die Plattform geht noch einen Schritt weiter und bezeichnet die Skulptur als einziges Denkmal für einen Schwarzen Mann in Deutschland. Das ist allerdings eine Selbstbeschreibung der Dokumentation und keine überprüfte Zählung. Die Behauptung lässt sich weder beweisen noch leicht widerlegen.

Seit der Eröffnung 2005 vor dem MARTa

Das MARTa wurde am 7. Mai 2005 eröffnet. Der Name steht für Möbel, Art und Ambiente und verweist auf Herfords Möbelindustrie; den Bau entwarf Frank Gehry (Wikipedia). Seit der Eröffnungsausstellung 2005 steht die Figur vor dem Haus auf einem nahezu fünf Meter hohen Sockel (Motto Distribution). Laut dem Buchvertrieb ist sie zu einem Teil der „Museums-Skyline“ geworden und weckt die Neugier der Besucher. Ein Foto vom 18. Juni 2005 auf Wikimedia Commons zeigt sie bereits am Eingang.

Abweichend davon behauptet das Magazin Daily Art Magazine (2026), die Skulptur stamme erst von 2007 und habe zunächst auf Straßenniveau gestanden, „als hätte ein Erdbeben sie aus ihren Wurzeln gehoben“. Für beide Angaben fand sich keine zweite Quelle; maßgeblich bleiben daher die Angaben von NRW-Skulptur und der Eröffnungsausstellung des MARTa.

Im selben Jahr 2005 wurde in Stone Mountain, Georgia, eine ganz andere Tupac-Statue eingeweiht: eine Bronzefigur im Anzug mit Gedichtband am Kunstzentrum der Tupac-Stiftung (Denkmäler). Herfords Figur ist das Gegenstück dazu, kein familiäres Gedenken der Angehörigen, sondern eine künstlerische Frage an die Gesellschaft.

688 besprühte Ziegelsteine und eine verlorene Wette

Die Säule veränderte sich im Lauf der Jahre. Am 25. April 2019 berichtete die Neue Westfälische (Ralf Bittner), der Graffiti-Künstler Sponk gestalte sie vor dem MARTa. Dafür besprühte er laut Überschrift 688 Ziegelsteine mit der Dose. Der Volltext ist bezahlpflichtig; Näheres zu Auftrag und Anlass ließ sich deshalb nicht prüfen.

Bekannt wurde das Denkmal auch durch eine Anekdote: Rapper Marteria verlor eine Wette über 50 Euro, weil er nicht glauben wollte, dass in Herford eine Tupac-Statue steht, und besuchte sie daraufhin gemeinsam mit Casper (Motto Distribution). Am 1. September 2026 nannte die Neue Westfälische sie „Herfords kuriosestes Denkmal“; ein Foto zeigt die Figur weiter am Museum. Der Artikel hebt den Kontrast zwischen Gangsta-Rap und konservativer Hansestadt hervor.

Herfords Tupac steht weiterhin vor dem Haus

Nach den gesichteten Quellen steht die Statue weiterhin vor dem MARTa. Wer das Werk beauftragte und wie es zur Aufstellung am Museum kam, ist in den öffentlich zugänglichen Quellen nicht dokumentiert. Weitere Erinnerungsorte stehen auf der Seite Denkmäler, die technische Variante der Wiederbelebung auf der Seite Hologramm.