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849 Wörter · 4 Min.

Tupac in der Wissenschaft: Kurse, Konferenzen, Archive

Von Berkeley bis Harvard: Wie Tupacs Texte ab 1997 in Hörsäle und Archive einzogen und was Forscher jenseits der Schlagzeilen in ihm sehen.

Im Herbst 1997, ein Jahr nach Tupacs Tod, stellte MTV eine provokante Frage: Ist im Kanon von Chaucer, Shakespeare und Keats wirklich Platz für einen Rapper? Die Hörsäle antworteten schneller als gedacht. Shakur gehörte zu den ersten Hip-Hop-Künstlern, die als eigener Gegenstand an Universitäten unterrichtet wurden. Heute widmen sich Vorlesungen, Tagungen, Bücher und Archive seinem Werk. Diese Seite sammelt die belegten Fälle; behauptet wird nur, was sich in Universitätsseiten oder zeitgenössischer Presse nachlesen lässt.

Berkeley macht den Anfang: Tupac wird regulärer Lehrstoff (1997 bis 2000)

Den Auftakt machte im Herbst 1997 die University of California in Berkeley. Laut einer AP-Meldung vom 8. September 1997 meldeten sich mehr als 100 Interessierte für ein Seminar über Tupacs Gedichte an. Geleitet wurde es von dem Studenten Arvand Elihu, mit Genehmigung der Universität. Es gab Leistungspunkte, bewertet wurde nur mit bestanden oder nicht bestanden. Elihu nannte Tupac „the Bob Dylan of our day“. Mit im Raum saß Leila Steinberg, nach eigenen Angaben Tupacs erste Managerin. Die Meldung fasst die Seite Tupac im Hörsaal zusammen, MTVs Fassung steht unter Hauptfach Tupac.

Im Januar 1998 meldete MTV ein Tupac-Seminar an der University of Wyoming, im Juni 2000 die zweite Tupac-Konferenz in Oakland. Dazwischen erschien am 1. November 1999 The Rose That Grew from Concrete, der Band mit Gedichten, die Tupac als Jugendlicher schrieb. Er machte aus dem Rapper auch für Lehrer einen Autor (siehe The Rose That Grew from Concrete).

Einen anderen Charakter hatte die Harvard-Konferenz vom 3. Mai 1997. Unter dem Titel „Life After Death: Rap, Reality, and Social Responsibility“ reagierte die Tagung der Black Students Association auf die Morde an Tupac und The Notorious B.I.G., angekündigt unter anderem mit Chuck D und Michael Eric Dyson. Wie sie tatsächlich verlief, ist in den Quellen nicht dokumentiert; siehe Harvard lädt zur Konferenz.

Harvard und Penn debattieren über den modernen Volkshelden (2002 und 2003)

Im Frühjahr 2002 testete Harvard den Kurs „Modern Protest Literature: From Thomas Paine to Tupac“ (English 176a) mit 106 Studierenden. Die Dozenten Timothy McCarthy und John Stauffer wollten zeigen, wie Literatur mit gesellschaftlichem Wandel zusammenhängt, wie die Daily Egyptian am 17. Juli 2002 berichtete. Tupac stand dort neben Spirituals, Folksongs und Reden; auch die Vermarktung von Künstlern wie ihm war Thema.

Am 17. April 2003 folgte in Harvards Barker Center das Symposium „All Eyez on Me: Tupac Shakur and the Search for the Modern Folk Hero“. Veranstalter waren unter anderem das Hiphop Archive, das W.E.B. Du Bois Institute und das Programm für Folklore und Mythologie. Hauptredner war Michael Eric Dyson; weitere Beiträge kamen von Mark Anthony Neal, Murray Forman, Emmett Price, Cheryl Keyes, Greg Dimitriadis und Knut Aukrust aus Oslo. Nach dem Bericht der Harvard Gazette argumentierte Dyson, Tupacs Heldentum hänge nicht an moralischer Makellosigkeit, sondern daran, dass er Schmerz bezeugt und Wahrheit ausgesprochen habe. Neal beschrieb ihn als „organic intellectual“, Price als schwarzen Volkshelden in der Tradition der Trickster-Figuren.

Dyson hatte die Debatte zwei Jahre zuvor mit seinem Buch Holler If You Hear Me: Searching for Tupac Shakur (2001) angestoßen (siehe die Buchseite). Im Frühjahr 2003 unterrichtete er an der University of Pennsylvania einen Kurs über Tupac mit rund 200 Studierenden. Die Daily Pennsylvanian beschrieb das Seminar am 30. Januar 2003 als Auseinandersetzung mit Musik, Philosophie und Widersprüchen seines Lebens sowie mit der Art, wie seine Erinnerung seit seinem Tod benutzt wird.

Oslo widmet Tupac ein eigenes Universitätsfach (2012)

Ungewöhnlich weit ging die Universität Oslo. Der Kulturwissenschaftler Knut Aukrust bot dort den Kurs KULH1111, Tupac, hiphop og kulturhistorie an; Lesematerial für 2012 und 2014 liegt auf den Universitätsseiten. Die Beschreibung nennt Tupac eines der bekanntesten und umstrittensten Gesichter des Gangsta-Rap, das „Ikon mit Heiligenstatus“ weit über die Fans hinaus.

Der Kurs verbindet Tupacs Namen (Tupac Amaru, Makaveli) mit Fragen nach Erzählkultur, Mentalität, Religion und Rap, Feminismus und der Kommerzialisierung von Widerstand. Heute ist er als eingestellt markiert.

Prophetische Kritik und Originaldokumente: Theologie und Archive

Auch die Theologie interessiert sich für Tupac. Die Boston University bot 2019 zum dritten Mal den Kurs „The Prophetic Witness of Tupac Shakur“ an, geleitet von Barbod Salimi von der School of Theology. Studierende lesen die Texte als Kritik an Ungerechtigkeit, Masseninhaftierung und Geschlechterrollen, daneben Aufsätze von Dyson (BU Today, 27. Februar 2019).

Für die Forschung wichtig sind Archive. Die Hip Hop Collection der Cornell University besitzt unter anderem einen dreiseitigen Gefängnisbrief Tupacs vom 17. August 1995 mit Gedicht und Foto, 156 überwiegend ungeöffnete Fanbriefe von etwa 1995 und FBI-Aktenkopien in der Sammlung von Phyllis Pollack.

Mehr als Schlagzeilen: Wie die Forschung Tupac einordnet

Die genannten Wissenschaftler lesen Tupac sehr verschieden: als Volkshelden, als „organic intellectual“, als Dichter, als prophetische Stimme, als Gegenstand der Kulturgeschichte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihn nicht auf den Skandal-Rapper der Schlagzeilen verkürzen.

Wer die Debatte nachverfolgen will, findet unter Bücher die wichtigsten Titel, und Tupacs eigene Texte stehen unter Gedichte. Wie andere Künstler sich auf ihn beziehen, zeigt die Seite Einfluss auf andere Künstler. Die Hörsäle haben damit auf ihre Weise die Frage beantwortet, die MTV 1997 aufwarf: Im akademischen Diskurs wird Shakur nicht trotz seiner Brüche erforscht, sondern genau wegen ihnen.