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1.882 Wörter · 9 Min.

Die Ermittlungen: Vom Tatort zum Schuldspruch

Schweigen, Theorien und ein Mann, der selbst redete: wie aus 27 Jahren ohne Anklage der Schuldspruch gegen Duane „Keffe D“ Davis wurde.

Kaution
Im Januar 2024 setzte Richterin Carli Kierny eine Kaution von 750.000 Dollar mit Hausarrest fest; die Verteidigung hatte auf Davis’ Krebserkrankung verwiesen. Am 26. Juni 2024 und erneut im August 2024 lehnte die Richterin die Freilassung ab, weil sie an der Herkunft des angebotenen Geldes zweifelte. Davis blieb in Haft.
Immunität
Davis’ Verteidigung argumentierte, die Proffer-Vereinbarungen von 2008 schützten ihn vor Strafverfolgung. Die Anklage hielt dagegen, eine solche Vereinbarung gelte nur für das jeweilige Gespräch und binde den Bundesstaat Nevada nicht. Die Richterin wies den Antrag im Januar 2025 ab; im Juli 2025 rief die Verteidigung den Nevada Supreme Court an. Der Prozess begann dennoch im August 2026 (Meldung vom 29.07.2025).
Verschiebungen
Angesetzt war der Prozess für Juni 2024, dann für November 2024, März 2025 und Februar 2026. Er begann schließlich am 10. August 2026.
Verteidiger
Davis wechselte mehrfach die Anwälte. Im Prozess vertrat ihn Michael Sanft, nach eigenen Angaben ohne Honorar.
Nebenverfahren
Wegen einer Schlägerei mit einem Mithäftling im Dezember 2024 wurde Davis 2025 in einem eigenen Verfahren zu 16 bis 40 Monaten Haft verurteilt.

Stand Oktober 2026: Duane „Keffe D“ Davis wurde am 31. August 2026 in Las Vegas wegen Mordes an Tupac Shakur schuldig gesprochen. Das Strafmaß soll am 13. Oktober 2026 verkündet werden; ihm droht lebenslange Haft. Davis hat Berufung angekündigt. Das Urteil ist damit noch nicht rechtskräftig.

2008 saß Duane „Keffe D“ Davis Ermittlern gegenüber, die eigentlich den Mord an The Notorious B.I.G. aufklären wollten. Damit, sagte er, habe er nichts zu tun. Dann fiel der Satz, der 18 Jahre später im Gerichtssaal von Las Vegas immer wieder zitiert wurde: „We did the other one.“ Gemeint war Tupac Shakur.

27 Jahre lang galt der Mord an Tupac als einer der bekanntesten ungelösten Kriminalfälle der USA. Die Polizei glaubte früh zu wissen, aus welcher Richtung die Schüsse kamen, aber niemand wollte aussagen. Zur Anklage führte am Ende keine Spur vom Tatort, sondern ein Mann, der jahrelang selbst über die Nacht sprach. Die Ermittlungen reichen vom Abend des 7. September 1996 bis zum Urteil von 2026. Den Tathergang beschreibt die Seite Das Shooting in Las Vegas 1996.

1996: Ein Konvoi voller Zeugen, die nichts gesehen haben

Zuständig war das Las Vegas Metropolitan Police Department, kurz Metro. Die Ermittlungen leitete Detective Brent Becker, öffentlich sprach Sergeant Kevin Manning für die Behörde. Das Grundproblem zeigte sich schon in der Tatnacht: Dutzende Menschen waren im Konvoi hinter Tupac und Suge Knight gefahren, doch kaum jemand wollte etwas gesehen haben. Knight sagte den Ermittlern, er habe „etwas gehört, aber nichts gesehen“.

Die Polizei klagte öffentlich über das Schweigen des Death-Row-Umfelds. Tupacs Leute wiederum fühlten sich am Tatort behandelt wie Verdächtige.

Die Spur führt nach Compton

Wichtiger als der Tatort wurde schnell Compton. Laut einer eidesstattlichen Erklärung der dortigen Polizei hörten Informanten schon wenige Tage nach der Tat einen Namen: Orlando „Baby Lane“ Anderson, Mitglied der Southside Compton Crips. Es war der Mann, den Tupac und seine Begleiter am selben Abend in der Lobby des MGM Grand verprügelt hatten. Death-Row-Begleiter Travon Lane soll noch in der Tatnacht gesagt haben, der Schütze sei „Keffe Ds Neffe“ gewesen.

Zwischen den Crips und den mit Death Row verbundenen Mob Piru Bloods brach ein Bandenkrieg aus, der Tote und Verletzte forderte. Am 2. Oktober 1996 wurde Anderson bei einer Großrazzia in Compton festgenommen und ohne Anklage wieder freigelassen. Im Dezember 1996 erklärte die Polizei in Las Vegas gegenüber MTV, sie glaube zu wissen, wer Tupac erschossen habe. Ohne aussagewillige Zeugen habe sie aber keinen Fall, der vor Gericht bestehe. Suge Knight sei kein Verdächtiger.

1997 bis 1998: Zeugen, die keine wurden

Der Einzige, der in der Tatnacht angab, den Schützen vielleicht wiedererkennen zu können, war Yafeu „Yaki Kadafi“ Fula von den Outlawz. Am 10. November 1996 wurde er in New Jersey erschossen, bevor die Polizei ihn ausführlich vernehmen konnte. Einen Zusammenhang sah sie nicht.

Anfang 1997 erzählten Tupacs Leibwächter Frank Alexander und Background-Rapper Malcolm Greenidge der Los Angeles Times, sie hätten die Insassen des Cadillac gesehen, seien aber nie zu Fotos befragt worden. Die Polizei hielt dagegen: Beide hätten in der Tatnacht ausgesagt, niemanden erkennen zu können. Als man Alexander im März 1997 Fotos zeigte, erkannte er niemanden.

Afeni Shakur warf der Polizei vor, sie nicht einmal über den Stand der Ermittlungen zu informieren. Im September 1997 verklagte Orlando Anderson Tupacs Nachlass wegen der Prügel im MGM Grand; Afeni Shakur verklagte ihn ihrerseits wegen der Tötung ihres Sohnes. Anderson bestritt jede Beteiligung, Tupac sei für ihn „wie ein Held“ gewesen.

Am 29. Mai 1998 starb Anderson bei einer Schießerei an einer Autowaschanlage in Compton. Die Polizei sah keinen Zusammenhang mit Tupac. Angeklagt wurde Anderson nie.

1997 bis 2009: Über Biggie zu Keffe D

Am 9. März 1997, ein halbes Jahr nach Tupac, wurde The Notorious B.I.G. in Los Angeles aus einem Auto heraus erschossen. Von da an wurden beide Fälle zusammen gedacht. Im September 2002 veröffentlichte die Los Angeles Times eine große Recherche des Reporters Chuck Philips: Anderson sei der Schütze gewesen, und Biggie habe den Crips Geld für den Mord geboten. Biggies Familie wies das umgehend zurück. Belegt wurde der Vorwurf gegen Biggie nie.

Den entscheidenden Schritt machte eine Ermittlungsgruppe aus Polizei Los Angeles (LAPD) und Bundesbehörden, die ab etwa 2006 unter LAPD-Detective Greg Kading den Mord an Biggie neu aufrollte. 2008 saß ihr Duane Keith Davis gegenüber, genannt „Keffe D“: Andersons Onkel und nach Angaben der Ermittler ein führender Kopf der Southside Compton Crips. Davis drohte in einem Drogenverfahren lebenslange Haft. In einer sogenannten Proffer Session, einem vertraulichen Gespräch, in dem ein Beschuldigter den Ermittlern sein Wissen anbietet, bestritt er jede Rolle beim Mord an Biggie und sagte jenen Satz: „We did the other one.“

In aufgezeichneten Gesprächen schilderte Davis 2008 die Tatnacht ausführlich: Er habe die Waffe besorgt und im Cadillac gesessen. Außerdem behauptete er, Sean „Puffy“ Combs habe über einen Mittelsmann eine Million Dollar auf Tupac und Suge Knight ausgesetzt. Combs hat das stets bestritten. Als Kading die Vorwürfe 2011 in seinem Buch Murder Rap veröffentlichte, ließ Combs sie als „pure Fiktion“ zurückweisen. Combs wurde im Fall Shakur nie beschuldigt oder angeklagt, und auch die Anklage im Prozess 2026 erhob keine Vorwürfe gegen ihn.

Zu einer Anklage kam es damals nicht. Davis’ Aussagen fielen unter eine Proffer-Vereinbarung, die sie vor direkter Verwertung gegen ihn schützen sollte, und zuständig für den Mord war nicht Los Angeles, sondern Las Vegas. Ob und wie viel die Polizei in Las Vegas davon erfuhr, darüber widersprechen sich die Beteiligten.

2018 bis 2019: Davis erzählt die Geschichte selbst

Dann ging Davis an die Öffentlichkeit. 2018 trat er in der BET-Dokuserie Death Row Chronicles und in YouTube-Interviews auf. Er habe auf dem Beifahrersitz des Cadillac gesessen, sagte er; gefahren sei Terrence „T-Brown“ Brown, hinten hätten sein Neffe Orlando Anderson und DeAndre „Dre“ Smith gesessen. Geschossen worden sei von der Rückbank. Den Schützen nannte er öffentlich nicht. 2019 folgte seine Autobiografie Compton Street Legend, in der er seine Rolle schilderte.

Die drei anderen Männer aus dem Cadillac waren zu diesem Zeitpunkt tot, Davis war der letzte Lebende. 2018 nahm die Polizei in Las Vegas den Fall wieder auf. Ankläger Marc DiGiacomo sagte später, ohne das Buch wäre Davis wahrscheinlich nie angeklagt worden.

2023: Nach 27 Jahren eine Festnahme

Am 17. Juli 2023 durchsuchte die Polizei ein Haus in Henderson bei Las Vegas, das Davis’ Ehefrau gehört. Am 29. September 2023 wurde Davis in der Nähe seines Hauses in Henderson festgenommen. Eine Grand Jury, ein Laiengremium, das in den USA über die Erhebung einer Anklage entscheidet, klagte ihn wegen Mordes unter Einsatz einer tödlichen Waffe an, mit dem Zusatz, die Tat habe einer kriminellen Gang gedient.

Die Anklage warf ihm nicht vor, selbst geschossen zu haben. Er habe die Tat als Anführer geplant und die Waffe beschafft. Am 2. November 2023 plädierte Davis auf nicht schuldig. Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf die Todesstrafe.

2024 bis 2026: Fast drei Jahre bis zum ersten Prozesstag

Zwischen Festnahme und Prozess lagen Anträge, Haftprüfungen und Verschiebungen:

Tupacs Familie verfolgte das Verfahren aus der Nähe. 2024 beauftragte sie den Anwalt Alex Spiro, mögliche Verbindungen zu Sean Combs zu prüfen.

Der Prozess

Am 17. August 2026 hielten Anklage und Verteidigung vor dem District Court in Las Vegas ihre Eröffnungsplädoyers. „Duane Davis hat nicht abgedrückt. Aber er hat die Schüsse geplant“, sagte Staatsanwalt Binu Palal. Die Anklage stellte Davis als „Shot-Caller“ dar, als den Mann, der die Befehle gibt: Nach der Prügel für seinen Neffen im MGM Grand habe er eine Waffe besorgt und mit seinen Leuten nach Tupac und Suge Knight gesucht.

Physische Beweise gab es nach fast 30 Jahren kaum. Im Zentrum standen Davis’ eigene Aussagen: die Aufnahmen von 2008, die TV- und YouTube-Interviews, das Buch. Hinzu kamen eine Hotelquittung des Excalibur auf Andersons Namen, ein Sammelalbum mit Artikeln über Tupac und Biggie, das bei Davis gefunden wurde, und ein Detail aus dem Jahr 2008: Davis hatte damals angegeben, nach der Tat sei ihnen ein Chrysler Sebring gefolgt. Öffentlich bekannt war das zu jener Zeit nicht.

Es sagten ehemalige Ermittler aus, ein früheres Mitglied der Mob Piru und ein Bandenexperte. 24 Zeugen rief die Anklage auf, drei die Verteidigung. Davis selbst sagte nicht aus.

Die Verteidigung hielt dagegen, außer Davis’ eigenen, widersprüchlichen Erzählungen belege nichts, dass er an jenem Abend überhaupt in Las Vegas war. Sein Buch sei zum großen Teil erfunden, er habe mit seiner Geschichte Geld verdienen wollen. Selbst Ankläger DiGiacomo räumte ein, das Buch sei größtenteils „Müll“. Der Kern aber sei in allen Versionen gleich geblieben: Davis saß im Cadillac.

Das Urteil nach knapp drei Stunden

Am 31. August 2026 sprach die Jury Davis nach knapp drei Stunden Beratung schuldig: Mord ersten Grades unter Einsatz einer tödlichen Waffe (laut NPR und AP). Den Gang-Zusatz hatte die Anklage kurz zuvor fallen gelassen. Davis ist damit der erste und einzige Mensch, der für den Mord an Tupac Shakur verurteilt wurde.

Im Saal saßen Angehörige Tupacs, darunter seine Schwester Sekyiwa Shakur, die beim Urteil weinte. Davis zeigte kaum eine Regung und sagte der Richterin, er wolle in Berufung gehen. Sein Verteidiger nannte als mögliche Gründe die Zulassung der Proffer-Aussagen, die Berichterstattung vor dem Prozess und die kurze Beratungszeit. Wenige Tage später beteuerte Davis im Interview mit dem Hollywood Reporter seine Unschuld: Er sei in jener Nacht nicht in Las Vegas gewesen, Buch und Interviews seien erfunden.

Das Strafmaß soll am 13. Oktober 2026 verkündet werden. Bis dahin bleibt Davis ohne Kaution in Haft.

Was das Urteil offenlässt

Wer im Cadillac abdrückte, hat das Gericht nicht entschieden. Nach US-Recht kann wegen Mordes verurteilt werden, wer die Tat ermöglicht und geplant hat. In seinen Gesprächen von 2008 nannte Davis seinen Neffen Orlando Anderson als Schützen, ein Zeuge vor der Grand Jury 2023 dagegen DeAndre Smith. Beide sind tot und können sich nicht mehr äußern; angeklagt wurde keiner von ihnen.

Offen bleibt auch, ob jemand den Mord in Auftrag gab. Davis’ Behauptung über ein Kopfgeld aus dem Umfeld von Bad Boy ist unbelegt und wird bestritten. Und das Urteil ist nicht rechtskräftig: Bis über eine Berufung entschieden ist, gilt es als vorläufig. Diese Seite wird aktualisiert, sobald das Strafmaß verkündet ist.

Die vielen Theorien, die in den 27 Jahren ohne Anklage entstanden, behandelt die Seite Theorien. Dass es so viele wurden, hat auch mit dem Schweigen zu tun, an dem die Ermittlungen 1996 scheiterten.