977 Wörter · 4 Min.
Tupac und die Religion: Zwischen Gebet, Kirchenkritik und „Black Jesus“
Gebete, Kritik an prunkvollen Kirchen und der Glaube an einen „Black Jesus“: Was Tupac über Gott sagte und wie die Forschung ihn liest.
Auf dem Cover seines letzten Albums hängt Tupac an einem Kreuz. Ein Satz darunter stellt klar, das Bild sei keine Respektlosigkeit gegenüber Jesus Christus. Wer ihn in den Neunzigern nur als Gangsta-Rapper kannte, konnte das als Provokation lesen. Wer seine Interviews kannte, wusste, dass Gott darin ständig vorkam: als Ansprechpartner, Ankläger und Zuflucht. Tupac gehörte jedoch weder einer Kirche noch einer Moschee an. Er widersprach sich, und viele theologische Deutungen entstanden erst nach seinem Tod. Ein Blick auf seine eigenen Worte, die theologische Forschung und die hartnäckigsten Gerüchte zeigt einen Mann, dessen Glaube sich einfachen Kategorien entzog.
Zwischen Islam und Black Panther Party
Religiös war Tupacs Umfeld uneinheitlich geprägt. Der Name Shakur kommt aus dem Arabischen und heißt „sehr dankbar“ (siehe Namen und Aliase). Afenis erster Ehemann Lumumba Shakur, von dem der Name stammt, war Muslim und lebte nach islamischem Recht in einer Mehrehe. Afeni Shakur und ihre Panther-Genossen bezogen sich dagegen auf Befreiung und Selbstverteidigung, nicht auf eine bestimmte Kirche.
Als Tupac im November 1994 nach den Schüssen im Quad-Studio im Bellevue Hospital lag, waren dort nach seinem eigenen Bericht Männer der Fruit of Islam anwesend. Über diesen Ordnungsdienst der Nation of Islam betonte er in der Vibe (April 1995): „aber sie hatten keine Waffen“.
Ein eigenes Bekenntnis folgte daraus nicht. In den ausgewerteten Quellen findet sich kein Beleg dafür, dass Tupac zum Islam übergetreten wäre, auch wenn sich das Gerücht hartnäckig hält. Belegt ist etwas anderes: Sein Mitstreiter Napoleon (Mutah Beale) von den Outlawz wurde nach Tupacs Tod Muslim und zog sich um 2001/2002 aus dem Musikgeschäft zurück. Das war Napoleons Weg, nicht der von Tupac.
Was Tupac selbst sagte
Die klarste Selbstauskunft gab Tupac 1996 im Gespräch mit VIBE Online. Er sagte dort, er bete jeden Abend, halte die Bibel aber für ein Werk von Menschen und kritisiere prunkvolle Kirchen in armen Vierteln. Auch mit den Five Percenters, deren Lehre er im Gefängnis kennengelernt hatte, rechnete er ab. Am Ende stand sein Satz:
„I believe God blesses those that hustle.“ Tupac Shakur, VIBE Online, 1996
Den Himmel beschrieb er als ruhigen Schlaf mit gutem Gewissen, die Hölle als Albtraum, in dem man die eigenen Taten immer wieder sieht. Nach den Schüssen von 1994 sagte er der Los Angeles Times im Oktober 1995: „But God is great. He let me come back.“ Im selben Gespräch zählte er „the religious groups“ neben FBI, Polizei und beiden großen Parteien zu den Cliquen, die jeweils auf ihre Art „gangbangen“Religion war für ihn also auch ein Machtfeld. Im Vibe-Gespräch „Ready to Live“ versicherte er, er habe von dem Moment an, als die Männer die Waffe zogen, gespürt, dass Gott für ihn sorge.
Im letzten großen Interview, im August 1996, sprach er von „Black Jesus“, einem Heiligen für Menschen, die nichts haben, und sagte:
„I feel like Black Jesus is controlling me.“ Tupac Shakur, Vibe, November 1996
Die Aussagen schließen Zweifel nicht aus. Dieselbe Person, die von Gottes Fürsorge sprach, drohte in den Songs der damaligen Zeit mit Gewalt.
Das Kreuz als Landkarte der Feinde
Die Titellisten erzählen eine Geschichte für sich. Auf All Eyez on Me (1996) heißt ein Lied Only God Can Judge Me. Das Makaveli-Album vereint Hail Mary, ein Lied, das Kampfansage und Gebet verbindet und am 8. Juli 1996 in unter einer Stunde aufgenommen wurde, und an fünfter Stelle den Song Blasphemy. Das Cover von Ronald „Riskie“ Brent zeigt Tupac am Kreuz. Das Kreuz war laut Tupac eine Landkarte seiner Feinde (siehe Makaveli und Machiavelli).
Posthum erschienen Ghetto Gospel (1992 aufgenommen, 2005 von Eminem neu produziert, Platz 1 in Großbritannien) und Thugz Mansion, das ein Leben nach dem Tod ausmalt. Das Sonntagsblatt der bayerischen evangelischen Kirche las 2017 in Ghetto Gospel eine „spirituelle Sehnsucht“, die erst nach Tupacs Tod sichtbar geworden sei.
Schon der Jugendliche schrieb ein Gedicht mit dem schlichten Titel God: Vier Strophen über Einsamkeit und Not, und jedes Mal kommt niemand außer Gott. Es gehört zu den wenigen ausdrücklich religiösen Texten des Bandes The Rose That Grew from Concrete.
„Natürlicher Theologe“ und „Black Jesus“
Mehrere Arbeiten nehmen den „Black Jesus“ ernst. Der Soziologe Dustin Zielke argumentierte 2011 in Illumine, Tupacs schwarzer Jesus sei weder objektive Wirklichkeit noch historische Gestalt, sondern ein Gegenstand von Hingabe. Er spreche den Einzelnen an, statt eine allgemeingültige Wahrheit zu verkünden. Der Theologe Daniel White Hodge sah Tupac 2013 als „natürlichen Theologen“, der Schrift auslege wie ein Prediger. Er beschrieb einen Hip-Hop-Jesus, der „raucht, wie wir rauchen, trinkt, wie wir trinken“ und so in der Nachbarschaft ankommt.
Anthony B. Pinn zitierte das Vibe-Gespräch in einem Buch über Körper und Schwarze Theologie, und Michael Eric Dyson behandelte in Holler If You Hear Me Tupacs Gottesbezug. Zwei US-Pastoren, Alex Gee und John Teter, schrieben 2003 mit Jesus and the Hip-Hop Prophets ein Andachtsbuch, das Tupacs Texte neben Bibelstellen liest.
Gegenstimmen und Grenzen
Nicht alle teilen diese theologische Begeisterung. Kirkus nannte Dysons Buch „etwas hagiografisch“, weil es Tupac zum „Ghetto-Heiligen“ erhebe. Publishers Weekly fand Gee und Teters Andachtsbuch teils holprig und bemängelte die fragwürdige Songwahl. Die Frage bleibt, wie viel Theologie in den Texten steckt und wie viel die Interpreten hineinlesen. Der Widerspruch zwischen Glaubensbekenntnissen und den Gewaltphantasien der Makaveli-Songs bleibt ohnehin bestehen. Dyson beschrieb ihn mit dem Satz, das Erhebende und das Erschreckende habe in diesem Künstler „in derselben Straße“ gewohnt.
Offen ist auch, was später in Tupac vorging. Spekulationen über eine geplante Konversion, Einflüsse der Nation of Islam oder eine Hinwendung zum Christentum lassen sich nicht belegen. Es gibt keine Quelle, die sie stützt. Aus Tupacs eigener Rede bleibt: Er betete, er zweifelte, er verlangte von Kirchen mehr Einsatz für die Armen, und er stellte sich Jesus als jemanden vor, der schwarz sein darf.
Weiterlesen: Last Testament (Vibe, 1996) · Hail Mary · Makaveli und Machiavelli · Das Buch von Alex Gee und John Teter
Personen in diesem Text
Afeni Shakur: Panther, Mutter, NachlassverwalterinLumumba ShakurThe Outlawz: Tupacs eigene Crew