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Makaveli und Machiavelli: Ein Name aus der Zelle
1995 las Tupac in Haft Machiavellis „Der Fürst“ und wurde Makaveli: was er daraus machte, was das Album zeigt und warum der Totstell-Mythos nicht trägt.
Zwei Wochen vor seinem Tod saß Tupac in einem Wohnwagen am Set von Gang Related und erklärte einem Vibe-Reporter, woher sein neuer Name kam. Er verehre nicht den Mann, sagte er, sondern eine Art zu denken. Der Mann war Niccolò Machiavelli, ein Florentiner Beamter des 16. Jahrhunderts. Unter dem Namen Makaveli hatte Tupac im Sommer 1996 ein Album aufgenommen. Dass es erschien, erlebte er nicht mehr.
Die Namenserklärung in einem Absatz steht in der FAQ und bei Namen und Aliase. Diese Seite erzählt die längere Geschichte: vom Florentiner, von der Lektüre in der Zelle, vom Album und von den Mythen, die daraus wuchsen.
Ein Beamter, der nach dem Sturz über Macht schrieb
Niccolò Machiavelli wurde am 3. Mai 1469 in Florenz geboren und diente der Republik ab 1498 als Zweiter Kanzler. Als die Medici 1512 zurückkehrten, verlor er sein Amt. Man verdächtigte ihn zu Unrecht der Verschwörung, im Frühjahr 1513 saß er mehrere Wochen in Haft und wurde gefoltert.
Danach zog er sich auf sein Landgut zurück und schrieb dort Ende 1513 Il Principe, Der Fürst. Gedruckt wurde das Buch erst 1532, fünf Jahre nach seinem Tod am 21. Juni 1527.
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy beschreibt es als Analyse von Macht. Ältere Fürstenspiegel, also Ratgeber für Herrscher, verlangten von ihnen vor allem tugendhaftes Verhalten. Machiavelli fragt dagegen, wie man Macht erwirbt und behält, ob das moralisch schön ist oder nicht. Daher kommt das Wort „machiavellistisch“ für kalkulierende Skrupellosigkeit. Ein Ratgeber zum Töten ist das Buch trotzdem nicht, ein Erbauungstext allerdings auch nicht.
In Dannemora wurde aus einer Lektüre ein Name
Tupac saß seit Ende 1994 in Haft, zuletzt in der Clinton Correctional Facility in Dannemora. Er las dort viel. Schon auf Rikers Island hatte er Kevin Powell erzählt, dass er ganze Bücher an einem Tag lese (siehe Ready to Live). Eines davon war Der Fürst.
Aus der Lektüre wurde der Name Makaveli. Tupac schrieb ihn bewusst anders als das Original und machte ihn so zu einer eigenen Marke.
Seine Begründung ist überliefert. Im letzten großen Vibe-Interview sagte er, er verehre nicht den Mann, sondern „that type of thinking where you do whatever’s gonna make you achieve your goal“, also ein Denken, das alles tut, was zum Ziel führt. In der Wiedergabe der englischen Wikipedia fügt er hinzu, Machiavelli habe ihm diesen Namen „gegeben“, und er habe kein schlechtes Gewissen; das sei es, „was ihn hierhergebracht“ habe, seine Lektüre. Wikipedia belegt diesen längeren Wortlaut allerdings nicht mit dem Vibe-Interview, sondern mit einer viel späteren Veröffentlichung. Deshalb gilt er hier nur als Hinweis.
Die Lektüre passte zum Selbstbild jenes Sommers 1996. Bei Death Row nannte sich Tupac den „Capo“ unter dem „Boss“ Suge Knight. So heißt in der Mafia der Anführer einer Truppe, der dem Boss direkt untersteht. Auch seine Crew, die Outlawz, holte sich Namen aus diesem Umfeld: Laut Complex nahmen die Mitglieder Decknamen nach Gegnern der USA an, darunter Kadafi, Napoleon und Mussolini.
Aus einem Mixtape wurde ein Album
Geplant war ein „Mixtape“, eine Zusammenstellung, die gratis auf die Straße gehen sollte. Young Noble von den Outlawz erinnerte sich laut Complex, Tupac habe nur etwas fallen lassen wollen, „to set the streets on fire“. Suge Knight überzeugte ihn, daraus ein offizielles Album zu machen, statt es zu verschenken.
Aufgenommen wurde überwiegend in den Can-Am Studios in Tarzana, Kalifornien. Laut Complex entstanden dort rund 20 Stücke, in drei Tagen Aufnahme und vier Tagen Abmischung. Die englische Wikipedia nennt für die gesamten Sessions den Zeitraum zwischen dem 7. Juni und dem 12. August 1996. Beides passt zusammen: Ein großer Teil entstand in einer Woche, davor und danach wurde weitergearbeitet. Daher der Name The 7 Day Theory.
Der Titel war ein Notbehelf
E.D.I. Mean von den Outlawz sagte 2014, Tupac habe das Album Killuminati: The 7-Day Theory nennen wollen, mit „Makaveli the Don“ als Künstlernamen. In der Hektik nach seinem Tod sei der Name verändert worden. George „Papa G“ Pryce, damals Chef der Pressestelle von Death Row, hielt „Makaveli“ für eine eher scherzhafte Sache, die noch gar nicht erscheinen sollte.
Veröffentlicht wurde das Album am 5. November 1996. Es stieg auf Platz 1 der Billboard 200 ein, der US-Albumcharts, mit 664.000 verkauften Exemplaren in der ersten Woche.
Ein Kreuz als Landkarte
Das Titelbild stammt von dem Illustrator Ronald „Riskie“ Brent. Tupac hängt am Kreuz, das einzige Licht kommt vom Mond und von Strahlen, die durch Risse im Holz fallen. Auf dem Kreuz stehen Städtenamen. Laut Complex nannte Tupac es eine Landkarte, auf der New York, Harlem, Brooklyn und die Orte seiner Feinde markiert seien.
Auf dem Bild steht ein Vermerk: „In no way is this portrait an expression of disrespect for Jesus Christ., Makaveli“. Wie die Religionswissenschaft das Bild liest, behandelt die Seite Tupac und die Religion.
Stratege, Totgesagter, Getriebener: drei Lesarten
Die Strategen-Lesart. Im Vibe-Gespräch kündigte Tupac an, auf dem Album die Leute zu nennen, die ihn 1994 in die Falle gelockt und angeschossen hätten. Er griff Dr. Dre, Mobb Deep, Jay-Z, Puffy und Biggie an. Belege für die Vorwürfe lieferte er nicht.
Der Totstell-Mythos. Nach 1996 behaupteten Fans, Machiavelli habe seinen Tod vorgetäuscht oder dazu geraten, und Tupac sei diesem Plan gefolgt. Für beides gibt es keinen Beleg. Der Fürst enthält nichts dergleichen, Machiavelli starb nach den gesicherten Biografien am 21. Juni 1527, und die Baylor Lariat hält fest, dass es für die Behauptung keine Dokumente gibt. Auch der Albumtitel The 7 Day Theory wurde umgedeutet, zur „Rückkehr nach sieben Jahren“. 2003 kam niemand zurück (siehe Theorien und Makaveli, The 7 Day Theory).
Die Kritik. Das Album erreichte bis 1999 vierfach Platin, also vier Millionen ausgelieferte Exemplare. Die Kritiker waren geteilt. Entertainment Weekly gab im November 1996 nur die Note D. Quincy Jones III, der als Produzent beteiligt war, erlebte Tupac anders: Er sei „manic“ gewesen, „on fire with this manic push“. Beide Eindrücke schließen sich nicht aus. Ein Album, das in wenigen Tagen entsteht, kann hastig und getrieben zugleich klingen.
Ein Name, der das Album überlebte
Makaveli blieb ein Name für ein Werk. Knapp zwei Wochen nach Tupacs Tod war Toss It Up als erste Single erschienen, im Februar 1997 folgte Hail Mary, weitere Stücke kamen dazu. Später trug eine Modemarke den Namen weiter.
Bleibt der Autor selbst. Die Stanford Encyclopedia weist darauf hin, dass Machiavelli den Fürsten in Eile schrieb, um in Florenz wieder ein Amt zu bekommen. Das Buch war also auch eine Bewerbung. Tupac las es als Anleitung zum Durchsetzen. Ob er den Florentiner damit richtig verstand, mögen Philosophen klären. Für den Namen genügte, was Tupac selbst darin gesehen hatte: kein Vorbild, sondern eine Haltung.
Weiterlesen: Namen und Aliase · Last Testament (Vibe, 1996) · Die Outlawz · THUG LIFE
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