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Tupac vor Gericht: Die Rechtsfälle 1991 bis 1997
Klage gegen die Polizei, ein toter Sechsjähriger, ein Schuldspruch in New York: Tupacs Verfahren 1991 bis 1997 und wie die Gerichte entschieden.
Als Me Against the World 1995 auf Platz eins der US-Charts stand, saß sein Interpret in einem Hochsicherheitsgefängnis nahe der kanadischen Grenze. Der Weg dorthin führte durch die Jahre zwischen 1991 und 1996, in denen Tupac Shakur so oft vor Gericht stand wie kaum ein anderer Musiker seiner Zeit.
Manche Verfahren endeten mit Freispruch oder Einstellung, andere mit Haft, eines mit einer Verurteilung wegen eines Sexualdelikts. Diese Seite ordnet die Fälle sachlich ein: was ihm vorgeworfen wurde, wie die Gerichte entschieden und was offen blieb. Wo Menschen verletzt wurden oder starben, stehen sie im Mittelpunkt, nicht der Ruhm des Angeklagten.
Oakland 1991: Bei Rot über die Straße, dann im Würgegriff
Am 17. Oktober 1991 hielten Polizisten Tupac in Oakland an, weil er bei Rot über die Straße gegangen war. Es kam zum Streit, die Beamten nahmen ihn in den Würgegriff und brachten ihn zu Boden. Tupac verklagte die Stadt auf zehn Millionen Dollar, der Fall endete mit einem Vergleich über rund 42.000 Dollar. Für ihn war das der Beleg, dass Polizeigewalt gegen junge Schwarze keine Erfindung seiner Texte war.
Marin City 1992: Ein Kind stirbt, angeklagt wird niemand
Am 22. August 1992 feierte Marin City, wo Tupac als Jugendlicher gelebt hatte, ein Stadtteilfest. Tupac geriet mit anderen jungen Männern in Streit, dabei fiel ihm seine legal getragene Pistole herunter. Wer sie aufhob und abdrückte, hat nie ein Gericht festgestellt. Nach damaligen Berichten wurde Tupacs Halbbruder Maurice Harding verdächtigt, der sich später Mopreme Shakur nannte. Eine Kugel traf den sechsjährigen Qa’id Walker-Teal, der auf einem Schulhof in der Nähe Fahrrad fuhr. Der Junge starb.
Tupac wurde zwölf Stunden festgehalten, Harding einige Tage. Beide kamen frei, angeklagt wurde niemand. Die Eltern des Jungen, Ocita Teal und Darrell Walker, reichten eine Zivilklage wegen fahrlässiger Tötung ein. Im November 1995 endete sie nach wenigen Verhandlungstagen mit einem Vergleich, laut San Francisco Chronicle über eine Summe zwischen 300.000 und 500.000 Dollar. Die Akte wurde versiegelt.
Ein Debütalbum auf der Anklagebank
Im April 1992 erschoss der 19-jährige Ronald Ray Howard in Texas bei einer Verkehrskontrolle den State Trooper Bill Davidson. Seine Verteidigung führte an, er habe zuvor Tupacs Debütalbum 2Pacalypse Now gehört. Vizepräsident Dan Quayle verurteilte das Album öffentlich. Howard selbst wurde 1993 zum Tode verurteilt.
Davidsons Familie verklagte Tupac und den Plattenkonzern Time Warner. Im März 1997, nach Tupacs Tod, wies ein Bundesgericht in Texas die Klage ab. Der Richter nannte das Album abstoßend, sah es aber durch die Meinungsfreiheit geschützt.
Allen Hughes 1993: Ein Schlag und die erste Haftstrafe
Die Regisseure Allen und Albert Hughes hatten Tupac für ihren Film Menace II Society besetzt und wieder entlassen. Im März 1993 traf Tupac Allen Hughes bei einem Videodreh und schlug ihn. Am 10. Februar 1994 wurde er wegen Körperverletzung verurteilt, am 10. März 1994 setzte Richter George H. Wu das Strafmaß fest: 15 Tage im Gefängnis von Los Angeles County, eine Geldstrafe und gemeinnützige Arbeit. Es war Tupacs erste Haftstrafe.
Im Rückblick sagte Allen Hughes 2023, Tupac habe sich später mehrfach bei ihm entschuldigt, und er habe ihn gemocht.
Michigan 1993: Ein Baseballschläger, zehn Tage Haft
Am 5. April 1993 geriet Tupac bei einem Konzert an der Michigan State University in East Lansing mit dem Rapper Chauncey Wynn aneinander. Er soll mit einem Baseballschläger auf ihn losgegangen sein. 1994 bekannte er sich eines leichteren Vergehens schuldig und verbüßte zehn Tage Haft.
Atlanta 1993: Schusswechsel mit zwei Polizisten außer Dienst
In der Nacht zum 1. November 1993, nach einem Konzert an der Clark Atlanta University, sah Tupac in Atlanta zwei Männer in Zivil mit einem schwarzen Autofahrer streiten. Es kam zu einem Schusswechsel. Die beiden Männer waren die Brüder Mark und Scott Whitwell, Polizisten aus Nachbarbezirken, die an diesem Abend keinen Dienst hatten. Beide wurden verletzt, keiner lebensgefährlich.
Tupac wurde wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Im Verfahren kam heraus, dass Scott Whitwell eine Waffe aus der Asservatenkammer seiner Dienststelle bei sich getragen hatte; späteren Berichten zufolge waren die Brüder zudem alkoholisiert. Die Anklage gegen Tupac wurde fallen gelassen, Mark Whitwell schied später aus dem Polizeidienst aus. Für viele Fans wurde der Fall zum Sinnbild eines Rappers, der sich gegen Polizeiwillkür wehrte.
New York 1993: Eine Nacht im Parker Meridien
Am 14. November 1993 lernte Tupac im New Yorker Club Nell’s die junge Frau Ayanna Jackson kennen. Vier Tage später kam sie in seine Suite im Hotel Parker Meridien. Dort, so ihre Anzeige noch in derselben Nacht, hätten Tupac und mehrere Männer aus seinem Umfeld sie sexuell missbraucht. Tupac, sein Road Manager Charles Fuller und Jacques „Haitian Jack“ Agnant wurden festgenommen, ein vierter Mann wurde nie ermittelt. Das Verfahren gegen Agnant wurde abgetrennt; er bekannte sich später geringerer Vergehen schuldig und erhielt Bewährung.
Schuldig in drei Punkten, frei von den schwersten Vorwürfen
Am 1. Dezember 1994, einen Tag nach dem Überfall im Quad Studio, verkündete die Jury in Manhattan ihr Urteil. Sie sprach Tupac und Fuller in drei Punkten der sexuellen Nötigung schuldig („sexual abuse in the first degree“, nach New Yorker Recht eine sexuelle Berührung unter Zwang). Von den schwereren Vorwürfen der Sodomie, gemeint war erzwungener Oralverkehr, und vom Vorwurf des Waffenbesitzes sprach sie beide frei. Eine Anklage wegen Vergewaltigung im juristischen Sinn gab es nicht. Die alte Fassung dieser Seite sprach von „Vergewaltigung“ und „drei Jahren Gefängnis“; beides war falsch.
Drei Punkte nennen UPI, New York Times und New York Daily News in ihren Berichten zum Urteil übereinstimmend. In einer Entscheidung vom 12. April 1996, mit der derselbe Richter einen Antrag auf Aufhebung des Urteils ablehnte, ist dagegen von zwei Punkten die Rede. Warum, geht aus den zugänglichen Quellen nicht hervor.
Am 7. Februar 1995 verurteilte Richter Daniel P. Fitzgerald Tupac zu anderthalb bis viereinhalb Jahren Haft. Fuller erhielt vier Monate und fünf Jahre Bewährung. Tupac blieb bei seiner Linie: „I am innocent“, sagte er im Gerichtssaal, für die Anklage entschuldige er sich nicht. Im Interview mit Vibe sagte er zugleich, er sei zwar unschuldig im Sinne der Anklage, aber nicht unschuldig an der Art, wie er sich damals verhalten habe.
Ayanna Jackson erzählt ihre Seite
Nach Tupacs Vibe-Interview schrieb Ayanna Jackson dem Magazin 1995 einen Leserbrief, weil sie sich falsch dargestellt fühlte. Darin schilderte sie den Abend aus ihrer Sicht: Sie sei gekommen, um Tupac zu sehen, und gegen ihren ausdrücklichen Willen von mehreren Männern festgehalten und missbraucht worden. Es sei keine Falle gewesen, schrieb sie.
2018 sprach sie zum ersten Mal vor der Kamera darüber und sagte, sie sei in jener Nacht vergewaltigt worden. Das Verfahren war für sie der Beginn jahrelanger Anfeindungen durch Fans. Eine Zivilklage gegen Tupac endete mit einem außergerichtlichen Vergleich über eine nicht genannte Summe.
Dass ein Gericht Tupac schuldig gesprochen hat, gehört zu seiner Geschichte. Es lässt sich nicht mit Verschwörungstheorien wegerklären, und es steht nicht im Widerspruch dazu, ihn als Künstler zu würdigen.
Von Rikers Island nach Dannemora
Die Kaution von drei Millionen Dollar konnte Tupac nicht aufbringen. Am 23. Dezember 1994 stellte er sich. Zuerst kam er auf die Gefängnisstation des Bellevue Hospital, dann nach Rikers Island, wo er im Januar 1995 Vibe das Interview „Ready to Live“ gab.
Im März 1995 wurde er in die Clinton Correctional Facility in Dannemora verlegt, ein Hochsicherheitsgefängnis im Norden des Bundesstaats New York nahe der kanadischen Grenze. Hier saß er, als sein Album Me Against the World auf Platz eins der US-Charts stand. Am 29. April 1995 heiratete er im Gefängnis seine Freundin Keisha Morris; die Ehe wurde etwa zehn Monate später annulliert.
Freiheit gegen drei Alben
Tupacs Anwälte legten Berufung ein. Am 9. Mai 1995 setzte das Berufungsgericht die Kaution auf 1,4 Millionen Dollar fest, doch auch diese Summe konnte er zunächst nicht stellen. Im Herbst 1995 kam Suge Knight nach Dannemora. Tupac unterschrieb einen handschriftlichen Vertrag über drei Alben bei Death Row Records, und das Label stellte die Kaution. Das Geld kam nach späterer Aussage von Interscope-Chef Jimmy Iovine über Interscope.
Am 12. Oktober 1995 war Tupac frei. Noch in derselben Nacht nahm er in Los Angeles die ersten Songs für All Eyez on Me auf. Über die Berufung wurde bis zu seinem Tod nicht entschieden.
1996: Alte Fälle holen ihn in Los Angeles ein
Auch nach der Freilassung liefen in Kalifornien noch Verfahren. Aus dem Hughes-Fall und einem Verfahren wegen einer verdeckt getragenen Waffe von 1993 ergaben sich Bewährungsverstöße, unter anderem, weil Tupac den gemeinnützigen Dienst nicht abgeleistet hatte. Am 4. April 1996 verhängte ein Gericht in Los Angeles 120 Tage Haft; der Antritt wurde wegen laufender Berufungen aufgeschoben.
Im Verfahren um eine geladene Pistole, die die Polizei im April 1994 bei einer Verkehrskontrolle in seinem Auto gefunden hatte, bekannte sich Tupac im Frühjahr 1996 schuldig. Das Strafmaß sollte am 12. September 1996 verkündet werden. An diesem Tag lag er bereits im Krankenhaus in Las Vegas.
Die Klagen überdauerten ihn
Nach dem 13. September 1996 richteten sich die Klagen gegen seinen Nachlass, den seine Mutter Afeni Shakur verwaltete:
- Jacquelyn McNealey wurde 1993 bei einem Tupac-Konzert in Pine Bluff (Arkansas) von einer Kugel getroffen und ist seither teilweise gelähmt. Im November 1996 erhielt sie ein Versäumnisurteil über 16,6 Millionen Dollar, weil niemand für den Nachlass erschienen war. Der Nachlass ging dagegen vor.
- C. DeLores Tucker, Aktivistin gegen Gangsta-Rap, verklagte den Nachlass 1997 wegen Zeilen über sie in zwei Songs. Die Klage wurde abgewiesen.
- Jacques Agnant klagte wegen des Songs Against All Odds, in dem Tupac ihn als Spitzel bezeichnet. Ein Bundesgericht wies die Klage im Dezember 1998 ab.
- Billy Garland, Tupacs leiblicher Vater, forderte die Hälfte des Erbes. Ein Gericht in Los Angeles wies das im Dezember 1997 ab, weil er zum Unterhalt praktisch nichts beigetragen habe.
- Orlando Anderson, der Mann aus der Lobby-Schlägerei in Las Vegas, verklagte im September 1997 den Nachlass. Afeni Shakur klagte kurz darauf gegen ihn wegen Tötung ihres Sohnes. Mehr dazu unter Ermittlungen.
Den größten Streit führte der Nachlass mit Death Row. 1997 verklagte Afeni Shakur das Label, Suge Knight und dessen Anwalt David Kenner auf Tantiemen und die Herausgabe der unveröffentlichten Aufnahmen. Im Vergleich erhielt der Nachlass die Rechte an den unveröffentlichten Songs, die später auf Alben wie R U Still Down? erschienen.
Ein Bild, das sich nicht glätten lässt
Tupacs Verfahren umfassen sehr Unterschiedliches: Fälle, in denen er sich gegen Polizisten wehrte und die Anklage zusammenbrach, Gewalt, die er selbst ausübte und für die er verurteilt wurde, und eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung, für die er ins Gefängnis ging. Er selbst sah sich oft als Zielscheibe von Justiz und Medien, und manche Verfahren geben ihm recht. Andere nicht. Ein ehrliches Bild hält beides aus.