Als Tupac elf Jahre alt war, stand sein Stiefvater Mutulu Shakur auf der Liste der zehn meistgesuchten Flüchtigen des FBI. Für Tupac blieb er mehr Idee als Alltag: ein Stiefvater, der die meiste Zeit seines Lebens im Untergrund oder im Gefängnis verbrachte und trotzdem prägte, wie Tupac über Politik, Loyalität und THUG LIFE dachte.
Ein Name aus der Bewegung
Er kam am 8. August 1950 als Jeral Wayne Williams in Baltimore zur Welt und wuchs in Jamaica, Queens, bei seiner blinden Mutter auf. Laut der Familie erwachte sein politisches Bewusstsein, als er ihr half, sich im Sozialsystem zurechtzufinden. Mit 16 schloss er sich der New-Afrikan-Unabhängigkeitsbewegung an, die einen eigenen Schwarzen Staat auf dem Gebiet der USA forderte. Später folgten das Revolutionary Action Movement und die Republic of New Afrika.
Den Namen Shakur nahm er an wie andere junge Aktivisten. Seinen „revolutionären und spirituellen Vater“ nennt die Familie Salahdeen „Aba“ Shakur, den Vater von Lumumba und Zayd Shakur. Mutulu zählte die beiden zeitlebens zu seinen Brüdern, im politischen, nicht im biologischen Sinn.
Nadeln gegen den Entzug
Ab 1970 arbeitete er im Lincoln Detox in der South Bronx. Aktivisten der Black Panthers und der Young Lords hatten das Entzugsprogramm gemeinsam mit Betroffenen im Lincoln Hospital aufgebaut. Mutulu setzte dort Akupunktur gegen Entzugserscheinungen ein. Das Fünf-Punkte-Protokoll, das er mitentwickelte, wird in der Suchtbehandlung noch immer genutzt.
Er blieb bis 1978. Nach einer Ausbildung in Kanada und China erhielt er 1979 eine Zulassung als Akupunkteur in Kalifornien. In New York leitete er die Black Acupuncture Advisory Association of North America und das Harlem Institute of Acupuncture mit. Daher kommt der Titel „Dr.“, mit dem Freunde und Familie ihn ansprachen.
Sieben Jahre an Afenis Seite
1975 heiratete er Afeni Shakur, im selben Jahr kam die gemeinsame Tochter Sekyiwa zur Welt. Tupac war damals vier. Die Ehe hielt bis 1982. Mutulu hatte weitere Kinder, darunter Maurice „Mopreme“ Shakur, mit dem Tupac später THUG LIFE gründete.
Nanuet, Oktober 1981
Im Oktober 1981 überfiel eine bewaffnete Gruppe in Nanuet, New York, einen Geldtransporter der Firma Brink’s und erbeutete 1,6 Millionen Dollar. Der Wachmann Peter Paige und die Polizisten Edward O’Grady und Waverly Brown wurden getötet. Die Ermittler sahen in Mutulu den Kopf der Gruppe. Im Juli 1982 setzte ihn das FBI auf seine Liste der zehn meistgesuchten Flüchtigen. Festgenommen wurde er erst am 12. Februar 1986 in Kalifornien.
1988 verurteilte ihn ein Bundesgericht zu 60 Jahren Haft. Die Urteilsgründe lauteten Verschwörung nach dem RICO-Gesetz, einem Bundesgesetz gegen organisierte Kriminalität, außerdem bewaffneter Bankraub und Raubmord. Zu den Vorwürfen gehörte auch seine Rolle bei der Befreiung von Assata Shakur aus einem Gefängnis in New Jersey 1979.
Mutulu und seine Unterstützer sahen in ihm einen politischen Gefangenen, die Familien der Opfer und die Justiz einen Mörder. Beides gehört zu seiner Geschichte.
Regeln aus der Zelle, Briefe nach dem Tod
Auch aus der Haft blieb er mit Tupac in Kontakt. Gemeinsam verfassten die beiden 1992 den „Code of THUG LIFE“: 26 Regeln, die sinnlose Gewalt eindämmen sollten, etwa durch das Verbot von Angriffen auf Unbeteiligte, Kinder und Alte. Die Familie nennt Mutulu den Vordenker der Idee, aus THUG LIFE eine soziale Bewegung zu machen.
Nach Tupacs Tod schrieb Mutulu einen Abschiedsbrief, der 2004 auf Deutsch veröffentlicht wurde. Er grüßt darin die verstorbenen Weggefährten der Familie, darunter Zayd, Lumumba und „Brother Leggs“, und unterschreibt mit „Dein Vater, Freund, Kamerad“.
Ein zweiter Brief ging an die Familie von Christopher Wallace (The Notorious B.I.G.). Die Shakurs sprachen Mutter, Witwe und Kindern ihr Beileid aus und warnten davor, die beiden Morde für einen Krieg zwischen Ost- und Westküste zu benutzen. Sie forderten, nach der Wahrheit zu suchen statt nach Rache.
Frei nach fast 37 Jahren
Im Gefängnis erkrankte Mutulu an multiplem Myelom, einem Krebs des Knochenmarks. Nach jahrelangen Kampagnen gewährte die US-Bewährungskommission im Herbst 2022 die Haftentlassung. Er sei „an Körper und Geist so geschwächt“, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgehe. Am 16. Dezember 2022 kam er nach fast 37 Jahren frei.
Am 7. Juli 2023 starb er mit 72 Jahren in Los Angeles, im Kreis seiner Familie. Ihn überlebten sechs Kinder: Mopreme, Talib, Ayize Jama-Everett, Sekyiwa, Nzingha Shakur-Ali und Chinua.
Sein Nachlass klagt
Am 28. April 2026 reichte Mopreme als Verwalter von Mutulus Nachlass beim Los Angeles County Superior Court eine Zivilklage wegen Tupacs Tod ein, unter anderem gegen Duane „Keffe D“ Davis.
Am 31. August 2026 sprach eine Jury in Las Vegas Davis des Mordes ersten Grades unter Einsatz einer tödlichen Waffe schuldig. Das Strafmaß soll am 13. Oktober 2026 verkündet werden. Davis hat Berufung angekündigt, das Urteil ist nicht rechtskräftig (Stand Oktober 2026). Über seinen Nachlass steht der Mann, den ein Bundesgericht 1988 verurteilt hatte, nun selbst auf der Seite der Kläger.