Elmer „Geronimo“ Pratt war Tupacs Pate, und einer der bekanntesten Fälle eines politischen Justizirrtums in den USA. 27 Jahre saß er für einen Mord im Gefängnis. Dann hob ein Gericht das Urteil auf, weil die Anklage entscheidende Informationen über ihren Kronzeugen verschwiegen hatte.
Soldat und Panther
Pratt wurde am 13. September 1947 in Morgan City, Louisiana, geboren. Sein Vater handelte mit Altmetall, der Sohn war Quarterback seiner Highschool-Mannschaft. In der Armee diente er zwei Einsätze in Vietnam, wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit zwei Purple Hearts, und kehrte als Sergeant zurück.
Mit Mitteln aus dem GI Bill studierte er an der University of California in Los Angeles Politikwissenschaft. Dort warben ihn die Panther Bunchy Carter und John Huggins für die Black Panther Party an. Nachdem beide im Januar 1969 auf dem Campus erschossen worden waren, stieg Pratt zum Anführer der Panther in Los Angeles auf. Den Namen Elmer lehnte er ab; er nannte sich Geronimo, nach dem Apachen-Anführer, und ji-Jaga. Mitunter wird er als „Verteidigungsminister der ganzen Organisation“ bezeichnet, tatsächlich führte er die Ortsgruppe in Los Angeles.
Im Visier des FBI
Das FBI betrachtete die Panther als Gefahr für die nationale Sicherheit. In internen Papieren des Gegenspionage-Programms COINTELPRO ist davon die Rede, Pratt als „effektiven Funktionär“ der Partei zu „neutralisieren“.
Der Mord in Santa Monica
Am 18. Dezember 1968 überfielen zwei bewaffnete Männer auf einem Tennisplatz in Santa Monica die Grundschullehrerin Caroline Olsen, 27, und ihren Mann Kenneth. Sie erbeuteten 18 Dollar und schossen auf beide. Kenneth Olsen überlebte, seine Frau starb elf Tage später. (Gelegentlich wird die Tat irrtümlich ins Jahr 1986 verlegt.)
Pratt wurde angeklagt und am 28. Juli 1972 wegen Mordes ersten Grades verurteilt, zu lebenslanger Haft. Gegen ihn sprachen die Identifizierung durch Kenneth Olsen, die Aussage des früheren Panthers Julius Butler, Pratt habe ihm die Tat gestanden, sowie Hinweise auf Tatwaffe und Fluchtwagen. Pratt beteuerte, er sei zur Tatzeit bei einem Panther-Treffen in Oakland gewesen, mehr als 500 Kilometer entfernt. Sein Anwalt war Johnnie Cochran, der später durch den Prozess gegen O. J. Simpson berühmt wurde.
27 Jahre Haft
Pratt verbrachte acht seiner 27 Haftjahre in Einzelhaft. Den Antrag auf Bewährung lehnte die Kommission 16-mal ab. Nach und nach kam heraus, was die Geschworenen nicht gewusst hatten: Kenneth Olsen hatte zuvor einen anderen Mann identifiziert. Julius Butler war Informant von FBI und Polizei gewesen und hatte das unter Eid bestritten. Abhörprotokolle des FBI, die Pratts Alibi hätten stützen können, waren aus den Akten verschwunden.
Freispruch und Entschädigung
Am 10. Juni 1997 hob Richter Everett W. Dickey vom Superior Court in Orange County das Urteil auf, weil die Anklage verschwiegen hatte, dass ihr Kronzeuge Informant war. Pratt kam nach 27 Jahren frei. Kalifornien scheiterte 1999 mit der Berufung, die Staatsanwaltschaft verzichtete auf einen neuen Prozess. Kurz nach der Freilassung fuhr Pratt nach Morgan City zu seiner Mutter, die er seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen hatte.
2000 erhielt er in einem Vergleich 4,5 Millionen Dollar Entschädigung: 2,75 Millionen von der Stadt Los Angeles und 1,75 Millionen vom US-Justizministerium. Er hätte lieber einen Prozess geführt, um den „bösen Plan“ der Behörden öffentlich zu machen, folgte aber dem Rat seiner Anwälte.
Pate von Tupac
Pratt war Teil der Panther-Familie, in die Tupac hineingeboren wurde. Schon Vanity Fair nannte ihn 1997 ausdrücklich Tupacs Paten. Als Tupac 1996 starb, saß Pratt noch im Gefängnis. Mutulu Shakur verwies in seinem Brief an die Familie Wallace 1997 auf den Pratt-Prozess, um zu zeigen, wie die Behörden gegen die Bewegung vorgegangen waren: Er selbst habe für Pratts Verteidigung zu COINTELPRO recherchiert.
Späte Jahre
Nach der Freilassung setzte sich Pratt für Menschen ein, die er für unschuldig verurteilt hielt, darunter Mumia Abu-Jamal. Später zog er nach Tansania, wo er Freunde hatte. Dort, im Dorf Imbaseni, starb er am 2. Juni 2011 mit 63 Jahren.