Er saß mit Afeni Shakur auf der Anklagebank, als ihr Sohn noch gar nicht auf der Welt war. Jamal Joseph gehört nicht zur Familie Shakur, und doch steht er in diesem Bereich: Als junger Black Panther wurde er Tupacs Pate und arbeitet bis heute an dessen Erbe mit, als Herausgeber, Produzent und Erzähler. Seine eigene Geschichte führt vom Gefängnis Leavenworth bis auf einen Lehrstuhl der Columbia University. Den politischen Hintergrund erklärt die Seite Tupac und die Black Panther Party.
Mit 15 bei den Panthern: Bücher statt einer Waffe
Joseph kam 1953 in New York als Edward Joseph zur Welt und wuchs in der Bronx und in Harlem auf. Er war ein guter Schüler und sang im Chor. Nach der Ermordung von Martin Luther King 1968 suchte er, wie er NPR sagte, „die militanteste Gruppe“, die es gab, und trat mit 15 Jahren der Black Panther Party bei. Statt der erhofften Waffe drückte man ihm im Büro einen Stapel Bücher in die Hand.
Bei diesem ersten Besuch traf er Afeni Shakur. Sie durchschaute, dass er sich älter machte, und schickte ihn nach Hause. Später sei sie „meine große Schwester“ geworden, sagte Joseph 2023 dem Branchenblatt Deadline, und sie sei es ein Leben lang geblieben.
300 Jahre Haft drohten: Die Panther 21 und Afenis Schutz
Im April 1969 wurde Joseph als einer der Panther 21 verhaftet, gemeinsam mit Afeni und Lumumba Shakur. Den Angeklagten wurden Anschlagspläne vorgeworfen; Joseph drohten Haftstrafen von zusammen über 300 Jahren. Nach rund einem Jahr Untersuchungshaft kam Joseph frei, 1971 wurden alle Angeklagten freigesprochen. Den Prozess und Afenis Selbstverteidigung schildert die Seite über Afeni Shakur.
Aus dieser Zeit stammt die Szene, die Joseph in seinem Text Birthday Hymn for Afeni auf Tupacs offizieller Website erzählt: 1970, im Keller einer Kirche in Harlem, gaben er und Afeni Frühstück an Kinder aus, ein Programm der Panther. Er war 16, sie 22. Als rund zwanzig Polizisten hereinkamen und ein Lieutenant ihn ausfragte, stellte sich Afeni dazwischen, verbot ihm zu antworten und ließ die Beamten abziehen.
Joseph erinnert auch daran, dass Afeni in der Haft durchsetzte, für ihr ungeborenes Kind täglich ein Ei und ein Glas Milch zu bekommen. „Ich kannte Tupac, als er noch im Mutterleib war“, sagte er 2023.
Nach dem Brink’s-Überfall: Fünfeinhalb Jahre in Leavenworth
Nach dem Brink’s-Überfall von Nanuet im Oktober 1981, für den später auch Tupacs Stiefvater Mutulu Shakur verurteilt wurde, stand Joseph erneut vor Gericht. Im ersten Brink’s-Prozess in New York, von April bis September 1983, sprach ihn die Jury vom Vorwurf des Mordes und des Raubes frei. Sie verurteilte ihn aber als Helfer nach der Tat (accessory after the fact); andere Darstellungen beschreiben den Kern als Unterstützung untergetauchter Panther. Das Gericht verhängte zwölfeinhalb Jahre.
Joseph verbüßte rund fünfeinhalb Jahre im Bundesgefängnis Leavenworth in Kansas. Dort belegte er Kurse eines Programms der University of Kansas, machte zwei Studienabschlüsse, schrieb ein Stück zum Black History Month und gründete eine Theatergruppe. Seine Haltung fasste er später so zusammen: Man könne die Zeit absitzen, „oder man kann die Zeit für sich arbeiten lassen“.
Bleistift und Haikus: Ein Elfjähriger schreibt in die Zelle
In diese Jahre fällt das früheste bekannte Schriftstück Tupacs. Als Elfjähriger schrieb und zeichnete er ein siebenseitiges Heft mit Haikus und Gedichten, mit Bleistift, und widmete es vier inhaftierten Panthern aus dem Freundeskreis seiner Mutter: Jamal Joseph, Chui Ferguson-El, Sekou Odinga und Bilahl Sunni Ali. Eine Zeichnung zeigt den Jungen schlafend, den Stift in der Hand, im Traum von der Freilassung der Gefangenen. Unterschrieben ist das Heft mit „Tupac Shakur, Future Freedom Fighter“.
Es erreichte Joseph im Gefängnis. Er habe es etwa ein Jahr behalten, erzählte er Sotheby’s; als Wärter nach einer Messerstecherei die Zellen durchsuchten und Briefe und Fotos durcheinanderwarfen, schickte er es mit Erlaubnis eines Betreuers an seine Frau Joyce. Im März 2022 bot Sotheby’s das Heft für geschätzte 200.000 bis 300.000 Dollar an (Meldung); ein Ergebnis nennen die Berichte nicht.
Ein zweites Leben: Vom Häftling zum Professor an der Columbia
Nach der Haft baute Joseph sich ein zweites Leben auf. 1997 gründete er in Harlem das IMPACT Repertory Theatre, eine Theater- und Musikgruppe für Jugendliche, 1998 begann er an der Columbia University zu lehren. Dort wurde er Professor für Film und leitete zeitweise den Studiengang.
Mit Charles Mack und Tevin Thomas schrieb er den Song Raise It Up für den Film August Rush, gesungen von Jamia Nash und IMPACT; er wurde 2008 für den Oscar als bester Filmsong nominiert. 2012 erschienen seine Erinnerungen Panther Baby, 2015 erhielt er den Purpose Prize, der Menschen über 60 für soziales Engagement auszeichnet.
Der Pate hütet das Erbe: Alben, Dokus und Walk of Fame
Für Tupacs Nachlass war Joseph ein wichtiger Partner. Er gehörte zu den ausführenden Produzenten von The Rose That Grew from Concrete (2000), dem Album zu Tupacs Gedichten, und schrieb 2006 die Bildbiografie Tupac Shakur Legacy. 2022 wurde er als ausführender Produzent eines Spielfilms über Afeni angekündigt (Meldung).
Bei der Dokuserie Dear Mama (2023) war er ausführender Produzent und Interviewpartner; die Serie wurde für einen Emmy als beste Dokumentarserie nominiert. Bei der Enthüllung von Tupacs Stern auf dem Hollywood Walk of Fame im Juni 2023 hielt er eine der Reden. Laut einer Kurzbiografie der Columbia University schrieb er zudem das Buch für ein Broadway-Musical über Tupacs Leben.
Ein Heiligenbild zeichnet Joseph nicht. „Es gab zwei Tupacs, und beide waren echt“, sagte er 2015 der HuffPost. Zum Mordfall äußerte er sich im August 2023 zurückhaltend: Afeni habe ihre Kraft auf das Erbe ihres Sohnes gerichtet, nicht auf die Ermittlungen; neue Antworten wären gut. Wenige Wochen später wurde Duane Davis festgenommen (siehe Die Ermittlungen und Duane „Keffe D“ Davis).