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755 Wörter · 3 Min.

Kendrick Lamar und Tupac

Vom Kind am Straßenrand in Compton zum Dialogpartner auf Platte: Wie Kendrick Lamar Tupac von 2012 bis „reincarnated“ (2024) als Bezugspunkt nutzt.

Als Kind stand er in Compton am Straßenrand, zwanzig Jahre später holte er Tupac für ein Zwiegespräch auf sein Album. Kendrick Lamar gilt vielen als der Rapper, der Tupacs Rolle als Chronist und Gewissen der Westküste heute am ehesten ausfüllt. Er selbst nimmt diesen Vergleich nicht für sich in Anspruch. Doch er zitiert Tupac so beharrlich, dass sich daraus eine eigene Chronik ergibt, von einer Straßenszene in Compton bis zu einem Track auf einem originalen Tupac-Sample.

Compton 1995: Ein Kind blickt über die Menge

Im Juli 2012 erzählte Kendrick im Chicagoer Sender WGCI von einem frühen Schlüsselmoment: Als Kind erlebte er in Compton, wie Dr. Dre und Tupac die erste Fassung des Musikvideos zu California Love drehten. Sein Vater setzte ihn damals auf die Schultern, damit er über die Menge sehen konnte. Das Magazin Vibe gab die Geschichte am 19. Juli 2012 wieder.

Die Begebenheit ist eine persönliche Erinnerung, belegt allein durch Kendricks eigene Aussage. Sie erklärt jedoch, warum er Tupac nicht als fernes Idol beschreibt, sondern als festen Bestandteil seiner eigenen Nachbarschaft.

„Mortal Man“: Das Zwiegespräch über zwei Jahrzehnte

Der folgenreichste Moment ist das Finale von To Pimp a Butterfly, erschienen am 15. März 2015. Der Schlusstitel „Mortal Man“ läuft rund zwölf Minuten und mündet in ein inszeniertes Gespräch: Kendrick stellt Fragen, Tupac antwortet mit Tonaufnahmen aus einem echten Interview. Es geht um Metaphern, soziale Ungleichheit, Klassenfragen und darum, bei klarem Verstand zu bleiben, wenn man berühmt ist.

Das Ausgangsmaterial stammte von dem schwedischen Radiojournalisten Mats Nileskär, der das Gespräch im Herbst 1994 für seine Sendung P3 Soul geführt hatte, nach seinen Angaben in einem Büro von Atlantic Records in New York. Ende November 2014 rief ihn jemand von Top Dawg Entertainment an, wie Nileskär im März 2015 dem Magazin XXL schilderte: Kendrick lebe seit einigen Monaten mit dem Interview, es sei „das letzte Teil des Puzzles“. Kendrick passte einige von Nileskärs Fragen für seine Version an. Die vollständige Originalaufnahme veröffentlichte Vice im März 2015.

Das Album debütierte auf Platz 1 der Billboard 200 und gewann bei den Grammys 2016 den Preis als bestes Rap-Album.

Beat im Radio, Hommage beim Super Bowl

Am 14. April 2018 veröffentlichte Radiomoderator Big Boy einen Clip, in dem Kendrick über den Beat von „Hit ’Em Up“ freestylet. Die Stichworte dazu kamen von Big Boy. Billboard vermutete, die Aufnahme stamme aus Kendricks Besuch in der Sendung im Juni 2017. Es war eine Fingerübung, kein großes Statement, zeigte aber, wie selbstverständlich der Beat zu Kendricks Repertoire gehört.

Bei der Super-Bowl-Halbzeitshow am 13. Februar 2022 stand Kendrick gemeinsam mit Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige und 50 Cent auf der Bühne. Tupac war nicht als Hologramm dabei, wie vorab spekuliert worden war. Doch Dre und Snoop spielten California Love, und Dre zitierte am Klavier I Ain’t Mad at Cha (siehe die Meldung vom 13. Februar 2022).

Fehde mit Drake: KI-Stimme und Tupacs Ring

Im April 2024 geriet Tupac mitten in Kendricks Fehde mit Drake. Drake hatte auf seinem Track „Taylor Made Freestyle“ eine KI-erzeugte Tupac-Stimme genutzt. Der Nachlass forderte am 24. April die Löschung; Nachlass-Anwalt Howard King nannte Kendrick in dem Schreiben „einen guten Freund des Nachlasses“ (Billboard). Siehe dazu Rechte an Tupacs Stimme und die Meldung vom 24. April 2024.

Kendrick antwortete am 30. April mit „Euphoria“. Darin spielte er laut Complex darauf an, dass Drake 2023 bei Sotheby’s Tupacs Kronenring für rund 1,01 Millionen Dollar ersteigert hatte, und sagte, er wolle nicht, dass ein Kanadier Pac im Grab rotieren lasse. Am 19. Juni 2024 variierte er die Zeile beim Konzert „The Pop Out: Ken & Friends“ im Kia Forum in Los Angeles: Drake solle den Ring zurückgeben, dann gebe es vielleicht „ein bisschen Respekt“ (AllHipHop). Mehr in der Meldung vom 19. Juni 2024.

„reincarnated“: Tupacs Rhythmus auf „GNX“

Am 22. November 2024 erschien Kendricks Album GNX. Der sechste Titel, „reincarnated“, baut auf einem Sample von Made Niggaz auf, einem Stück von Tupac und den Outlawz vom Soundtrack zu Gang Related (1997). Kendrick rappt aus der Sicht mehrerer Figuren über Wiedergeburt und die Verantwortung für sein Talent und lehnt sich im Vortrag an Tupacs Rhythmus an. Der Titel erreichte Platz 8 der Billboard Hot 100.

Was daraus zu lesen ist, bleibt Deutung: Kendrick hat nirgends gesagt, er sei Tupacs Nachfolger. Belegt ist nur, wie beständig er ihn heranzieht: 2012 als Kindheitserinnerung, 2015 als Gesprächspartner, 2018 als Beat, 2022 als Nachbar auf der Bühne und 2024 als Sample. Mehr zum Thema auf der Seite Einfluss auf andere Künstler.

Personen in diesem Text

Dr. DreSnoop Dogg