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Tupac, Shakespeare, Poesie und Theater: Der Dichter hinter dem Rapper
Vom Harlemer Theater über die Kunstschule in Baltimore bis zu den Gedichten aus Marin City: Wie Theater und Poesie Tupac Shakurs Werk prägten.
„Ein Shakespeare-Schauspieler, weil man der Beste sein muss, um Shakespeare zu spielen.“ Das antwortete der junge Tupac in Baltimore seinem Freund Darrin Keith Bastfield auf die Frage, was für ein Schauspieler er werden wolle. Bastfield zeichnete ihn daraufhin im Rüschenkragen und taufte das Bild „Shakurspeare“. Die Anekdote steht im Baltimore Magazine und passt schlecht zum Bild des reinen Straßenrappers. Sie passt dafür genau zu einem Mann, der 1995 nach der Haft in der Los Angeles Times über Romeo und Julia sprach. Tupacs Sinn für Sprache und Dramatik entstand nicht erst im Tonstudio, sondern im Schauspielunterricht.
Die erste Bühne stand in Harlem
Mit zwölf trat Tupac in Harlem mit dem 127th Street Repertory Ensemble auf. In der Theatergruppe spielte er laut Wikipedia die Rolle des Travis in A Raisin in the Sun im traditionsreichen Apollo Theater. Seine Mutter Afeni Shakur hatte ihn früh mit politischer Kultur vertraut gemacht. Das Theater eröffnete ihm daneben eine zweite Welt.
An der Kunstschule in Baltimore: Ibsen, Shepard und der Mäusekönig
1984 zog die Familie nach Baltimore. Tupac bewarb sich an der Baltimore School for the Arts als Schauspielschüler; sein Freund Dana „Mouse“ Smith half ihm, die Vorsprechszene einzustudieren. Donald Hicken, damals Leiter der Theaterabteilung, erinnert sich an den ersten Eindruck: „Das Erste, was mir auffiel, war, dass er extrem charismatisch war.“
Für eine Bewegungsübung wählte Tupac Don McLeans Vincent über Vincent van Gogh, ein Lied über einen missverstandenen Künstler. Im Unterricht studierte er Henrik Ibsen, Sam Shepard und William Shakespeare. Nach Hickens Eindruck war er wissbegierig, aber kein guter Schüler; die Mittagspausen verbrachte er lesend in der Bibliothek. Seine Mitschülerin Jada Pinkett hielt im Gedenkband Tupac Remembered fest: „He loved Shakespeare.“
Auf der Bühne spielte er in Shakespeare-Stücken und übernahm, laut Wikipedia, den Mäusekönig im Ballett Der Nussknacker. Neben der Schule gründete er mit Smith, Bastfield und Gerard Young die Gruppe Born Busy, deren Kassetten als seine ersten Aufnahmen gelten. Zur selben Zeit schrieb er Briefe an seine Freundin Mary Baldrige; über 100 davon sind erhalten (siehe Complex zu Jeff Pearlmans Biografie).
1988 zog die Familie nach Marin City an die Westküste. Hicken bot ihm an, eine Gastfamilie zu suchen, damit er die Schule in Baltimore beenden konnte. Tupac lehnte ab: Er wollte seine Familie nicht allein lassen.
„Romeo war ein Blood“: Shakespeare in der Sprache der Straße
Im Interview mit der Los Angeles Times übersetzte Tupac Shakespeare 1995 in seine eigene Welt. Romeo und Julia sei „serious ghetto“: Ein Romeo von den Bloods verliebt sich in eine Julia von den Crips, beide Gangs stellen sich quer, und am Ende sind beide tot, „for nothing“. Macbeth beschrieb er als Geschichte einer Frau, die einen glücklichen Mann überredet, ihren Ehemann zu töten; danach beginne der Mann zu halluzinieren wie in einem Scarface-Song.
Tupac schwärmte in dem Gespräch außerdem von Les Misérables und The Gospel at Colonus. Der Vergleich war weder gelehrt noch falsch: Er zeigt, wie ein Theaterschüler dramatische Konflikte in die Sprache der Straße übersetzte. Der Rapper Nas urteilte Jahre später: „I put Tupac beyond Shakespeare.“
Acht Zeilen auf Beton: Die Gedichte aus Marin City
In Marin City traf Tupac 1989 Leila Steinberg und nahm an ihrem Schreibkreis teil; kurz darauf wurde sie seine Managerin. Aus dieser Zeit stammen die 72 Gedichte, die am 1. November 1999 gesammelt als The Rose That Grew from Concrete erschienen. Sie sind, laut Afeni Shakurs Vorwort, zwischen 1989 und 1991 entstanden. Schon als Elfjähriger soll er ein Heft mit Gedichten und Haikus verfasst haben, das 2022 bei Sotheby’s angeboten wurde.
Die Themen der Sammlung reichen von der Liebe in Wife 4 Life über den Glauben in God bis zu politischen Zeilen wie in Can U C the Pride in the Panther. Das Titelgedicht über die Rose, die aus dem Beton wächst, umfasst lediglich acht Zeilen und trägt den handschriftlichen Vermerk „Autobiographical“.
Auch im Film begegneten sich Poesie und Schauspiel. In Poetic Justice (1993) spielte Tupac den Postboten Lucky an der Seite von Janet Jackson, deren Figur Gedichte von Maya Angelou vorträgt. Was Angelou persönlich von ihm hielt, ist nicht belegt.
Vom Campus in Berkeley bis nach Harvard
Schon 1997 bot die University of California in Berkeley einen von Studierenden getragenen Kurs über Tupacs Poesie und Geschichte an. MTV fragte damals spöttisch, ob Tupac in den Kanon von Chaucer, Shakespeare und Keats gehöre. 2003 widmete Harvard ihm ein eigenes Symposium.
Das Buch wird an Schulen gelesen, und der Vergleich mit Shakespeare ist in der Popkultur geläufig geworden; er bleibt aber Geschmackssache. Das Bild der Rose aus dem Beton hat sich längst verselbstständigt: Die Sängerin Ashanti benannte 2004 ihr Album Concrete Rose nach dem Buch.
Ungeschliffene Verse und die Schule als Zuflucht
Tupacs Lyrik ist teils ungeschliffen, was das Handschrift-Faksimile im Buch offenlegt: Streichungen und Kurzschrift prägen die Manuskripte. Nikki Giovanni beschreibt im Geleitwort die verletzliche Seite des Autors. Die Biografie von Jeff Pearlman verortet die Schule in Baltimore als Zuflucht für einen Jungen, der sich sonst wenig zugehörig fühlte (so Kirkus).
Wie viel von Tupacs späterer Bühnenpräsenz auf diese Ausbildung zurückging, bleibt eine Deutung. Belegt ist, dass er den Unterricht ernst nahm.
Die Mappe bei Leila Steinberg: Wie aus losen Blättern ein Buch wurde
Wie Tupac und Leila Steinberg sich kennenlernten, schildert sie selbst in zwei Fassungen. In der Einleitung zum Buch sitzt sie im Frühjahr 1989 vor einer Grundschule in Marin City und liest ein Buch von Winnie Mandela, als ein junger Mann hinter ihr Sätze daraus auswendig aufsagt. Sie lud ihn in ihren Unterricht ein, und nach wenigen Wochen machte er sie zu seiner Managerin. In einem XXL-Interview von 2011 erzählt sie die erste Begegnung etwas anders; die Details sind Erinnerung, kein Protokoll.
Die Blätter gab Tupac ihr damals zur Aufbewahrung; aus ihrer Sammlung entstand später das Buch (siehe Leila Steinberg). Der Band zeigt neben jedem getippten Gedicht das handschriftliche Original mit Tupacs typischen Kürzeln wie „u“, „2“ und „4“. Er ist in vier Abschnitte gegliedert, benannt nach je einem Gedicht. Die Dichterin Nikki Giovanni steuerte das Geleitwort „Tupac, C U in Heaven“ bei.
Im November 2000 folgte ein Album, auf dem unter anderem Mos Def, Q-Tip, Sonia Sanchez und Afeni Shakur die Gedichte vortragen; es erreichte Platz 89 der Billboard 200.
Weiterlesen: Gedichte · The Rose That Grew from Concrete (Buch) · Poetic Justice · Born Busy
Personen in diesem Text
Afeni Shakur: Panther, Mutter, NachlassverwalterinJada PinkettLeila Steinberg