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985 Wörter · 4 Min.

Das Westside-Handzeichen: Das „W“ der Westküste

Zwei verschränkte Finger für die Westküste, oder ein Zeichen für Krieg? Was Tupac über die Geste sagte und was sich historisch belegen lässt.

Mittel- und Ringfinger verschränkt, so dass die Hand ein „W“ bildet: Auf Pressefotos, in Musikvideos und auf Konzertbühnen der Jahre 1995 und 1996 tauchte diese Geste ständig auf. Tupac hat das Westside-Zeichen nicht erfunden, aber er machte es berühmt wie kaum ein anderer. Zugleich zählt es zu den bekanntesten und am meisten missverstandenen Symbolen des Hip-Hop.

Eine feste Chronik für den ersten Auftritt des Zeichens gibt es nicht, seine Herkunft ist lückenhaft dokumentiert. Umso wichtiger ist die Trennung zwischen dem, was sich historisch belegen lässt, und dem, was bloße Überlieferung bleibt.

Nicht Westside, sondern Krieg: Tupacs eigene Deutung

Die klarste Aussage hinterließ Tupac in seinem letzten großen Interview. Im Gespräch mit Rob Marriott für Vibe (erschienen im November 1996) erklärte er, das mit den Fingern gezeigte „W“ stehe keineswegs für Kalifornien oder die Westküste, sondern für „War“ (siehe Last Testament). Diese Aussage ist über den Archivtext und dessen Zusammenfassung überliefert; das gedruckte Original der Zeitschrift liegt nicht direkt vor. Sie überrascht, weil das Zeichen fast überall als „West Side“ gelesen wird. Tupac gab ihm im Sommer 1996, auf dem Höhepunkt der Fehde mit Bad Boy, eine kämpferische Deutung.

Schon im Frühjahr 1996 hatte er in der KMEL-Sendung Westside Radio in San Francisco von seiner Bindung an die Westküste gesprochen: Die Bay Area habe etwas damit zu tun, was er sei (siehe KMEL, April 1996).

Kein Gang-Symbol: Wie die Westküste ab 1992 zur Marke wurde

Einen Hinweis auf die Entstehung liefert das USC Digital Folklore Archive, eine studentische Sammlung mündlicher Überlieferungen. Ein Informant aus Kalifornien hielt dort fest: Das Zeichen entstand ab 1992, als sich der Rap zu Gangster-Themen und zum Riss zwischen West- und Ostküste verschob. Tupac, Dr. Dre, Snoop Dogg und Ice Cube hätten es genutzt, um ihre Zugehörigkeit zur Westküste zu zeigen. Der Informant betont zugleich, dass das Zeichen oft mit Gang-Zeichen verwechselt werde: Keine Gang beanspruche es, es stehe schlicht für „West Side“die Westseite einer Stadt, eines Staats oder einer Küste. Dies bleibt eine einzelne mündliche Quelle, keine wissenschaftliche Forschungsarbeit, die hier als zeitgenössischer Beleg dient.

In den Jahren 1995 und 1996 wurde „Westside“ endgültig zum Markenkern. California Love mit Dr. Dre stand ab Dezember 1995 auf Platz 1 der Hot 100. Death Row stellte sich als Label der Westküste dar, und der Streit mit Bad Boy wurde als Krieg der Küsten erzählt (siehe Ost gegen West). Im Oktober 1996 erschien das Album Bow Down der Supergruppe Westside Connection um Ice Cube und erreichte Platz 2 der Billboard 200.

Ruf der Wahlheimat: Zwischen Friedensangebot und Kriegskurs

Auf Tupacs Platten ist „Westside“ ein ständiger Ruf. In den Interviews des Jahres 1996 bezeichnete er sich als Vertreter der Westküste, auch wenn er ursprünglich aus New York stammte. Den Vorwurf, er habe die Ostküste verraten, nannte er im VIBE-Online-Gespräch Unsinn (siehe Vibe Online, 1996). Die Spannung steckte in seiner Biografie: geboren in Harlem, aufgewachsen in Baltimore und Marin City, berühmt geworden in Los Angeles. Das Zeichen sagte mehr über seine Wahlheimat als über seine Herkunft aus.

Dass die Geste auch Frieden meinen konnte, zeigte dasselbe KMEL-Gespräch vom April 1996. Zu Bad Boy sagte Tupac dort: „I’m calling for dialogue.“ Er schlug sogar vor, Bad Boy und Death Row sollten am selben Tag je eine Platte herausbringen, und wer mehr verkaufe, gewinne: „I don’t want it to be about violence. I want it to be about money“ (Vibe, Februar 1996). Wenige Monate später stand dasselbe Zeichen für „War“. Die Geste blieb dieselbe, ihre Deutung wanderte mit der Zuspitzung der Lage.

Kein Gang-Code, aber gefährliche Nähe zur Straße

In Los Angeles tragen Straßengangs eigene Zeichen, mit denen sie sich zu erkennen geben. Das „W“ ist nach dem Informanten des USC-Archivs keines davon: Keine Gang beanspruche es. Das deckt sich damit, dass Rapper und Fans verschiedenster Herkunft es völlig frei benutzten.

Gleichwohl bewegte sich Tupac in einem Umfeld, in dem Zeichen tödliches Gewicht besaßen. Bei der Schlägerei im MGM Grand fragte er den Crip Orlando Anderson, ob er aus dem „South“ sei; der Abend endete tödlich (siehe Tupac und Gangs). Das lässt sich nicht auf das „W“ übertragen, zeigt aber, wie nah Symbolik und reale Gewalt in diesem Milieu beieinanderlagen.

Nach Tupacs Tod: Vom Kampfsymbol zum Gedenkzeichen

Nach Tupacs Tod wandelte sich das Zeichen zum Nachruf. Fans zeigen die Geste als Gruß und Bekenntnis, während Snoop Dogg und Dr. Dre ihre Hommage 2012 auf die Bühne des Coachella-Festivals trugen, wo eine digitale Tupac-Figur neben ihnen auftrat (siehe FAQ). Die Bedeutung verschob sich grundlegend: Aus dem Kampfzeichen von 1996 wurde ein Gruß an die Westküste und an Tupac.

Zwei Lesarten, die nebeneinanderstehen: „West“ oder „War“

Ob das „W“ nun „West“ oder „War“ heißt, lässt sich nicht endgültig entscheiden. Beide Lesarten stützen sich auf Quellen: die Fans und der Informant des USC-Archivs für „West“, Tupac für „War“. Laut der Zusammenfassung seines letzten Interviews vertrat Tupac selbst die Deutung als Kriegserklärung, während die Allgemeinheit fast geschlossen der geografischen Lesart folgt. Neue Quellen, etwa durch detaillierte Fotoserien oder Gespräche mit den beteiligten Fotografen, könnten diese Lücke künftig schließen.

Der Auftritt bei MTV: Küstenlogik verneint und angeheizt

Wie wenig Tupac von einem reinen Konflikt zwischen Westküste und Ostküste sprach, zeigte sein Auftritt bei den MTV Video Music Awards am 4. September 1996 in New York, seinem letzten großen öffentlichen Auftritt überhaupt. Auf die Frage nach Death Row East antwortete er: „If you believe in God, believe in Death Row East.“ Wer von einem Krieg der Küsten rede, säe nur Verwirrung.

Zugleich griff er jedoch Bad Boy und Nas an und kündigte an, man komme nach New York, um eine „neue Regierung“ einzusetzen. Death Row East, das Eric B. führen sollte, kam nie zustande (siehe MTV Music Awards). Das „W“ stand damit mitten in einem Widerspruch: Tupac verneinte die Küstenlogik rhetorisch, und heizte sie mit derselben Geste weiter an.

Weiterlesen: Tupac und Gangs · Ost gegen West · California Love · Death Row Records

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